25/04/2026
Die Zeugen Jehovas sind eine Glaubensgemeinschaft, die oft mit Neugier und manchmal auch mit Missverständnissen betrachtet wird. Für viele sind sie vor allem durch ihre öffentliche Predigttätigkeit bekannt, sei es von Haus zu Haus oder mit Informationsständen in belebten Gegenden. Doch hinter diesen sichtbaren Aktivitäten verbirgt sich eine tief verwurzelte Glaubenspraxis, die alle Aspekte des Lebens ihrer Mitglieder prägt – von ethischen Entscheidungen bis hin zu medizinischen Behandlungen. Dieser Artikel beleuchtet die Kernüberzeugungen, den Alltag und insbesondere die Haltung der Zeugen Jehovas zu Gesundheitsfragen, um ein umfassendes und nuanciertes Bild dieser besonderen Gemeinschaft zu zeichnen.

Die Zeugen Jehovas verstehen sich selbst als Christen, die den Lehren Jesu und der Bibel präzise folgen. Sie sind weltweit in über 240 Ländern aktiv und zählen über 8,3 Millionen Mitglieder, davon allein rund 169.000 in Deutschland. Ihre Versammlungsstätten, die Königreichssäle, sind schlicht und funktional gestaltet, um den Fokus auf das Studium der Bibel zu legen. In Deutschland wurden die Zeugen Jehovas 2010 vom Berliner Oberverwaltungsgericht als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, was ihnen ähnliche Rechte wie etablierten Kirchen gewährt, wie etwa das Recht, Gemeindehäuser zu unterhalten.
- Ein Leben im Einklang mit dem Glauben
- Die Bedeutung der Bibel für Zeugen Jehovas
- Medizinische Entscheidungen im Fokus: Blut und Alternativen
- Häufig gestellte Fragen
- Wie fühlen Sie sich beim Predigen auf der Straße?
- Ist das eine effiziente Art, Menschen von eurem Glauben zu überzeugen, indem ihr auf der Straße rumsteht?
- Wie viele Leute reden am Tag überhaupt mit Ihnen?
- Werden Sie manchmal beschimpft?
- Verachten Sie nicht-gläubige Menschen?
- Wird Gott mich vernichten, weil ich nicht an ihn glaube?
- Feiern Sie manchmal heimlich Ihren Geburtstag?
- Wann konnten Sie zuletzt etwas nicht tun, weil Sie eine Zeugin Jehovas sind?
- Wie viel Geld investieren Sie monatlich in die Gemeinschaft?
- Wann erwarten Sie den Weltuntergang?
- Schlussbetrachtung
Ein Leben im Einklang mit dem Glauben
Für Zeugen Jehovas ist der Glaube nicht nur eine Sonntagspraktik, sondern eine Lebensweise, die den Alltag durchdringt. Die Gemeinschaft trifft sich zweimal wöchentlich zu biblischen Vorträgen und Studien. Ein zentraler Aspekt ihres Glaubens ist die Predigttätigkeit. Mitglieder wie Melanie, eine 34-jährige Zahnarzthelferin, die seit ihrem 17. Lebensjahr getauftes Mitglied ist, engagieren sich aktiv in dieser Arbeit.
Es gibt verschiedene Formen des Predigens: Eine passive Form ist das Anbieten von Informationsmaterial an öffentlichen Orten, oft mit einem Trolley, um Passanten Lesestoff und die Möglichkeit zum Gespräch anzubieten. Die aktive Missionsarbeit umfasst den bekannten Haus-zu-Haus-Dienst, bei dem Zeugen Jehovas gezielt bestimmte Themen ansprechen oder Literatur für Familien und Jugendliche anbieten. Melanie empfindet Stolz bei dieser Tätigkeit, auch wenn sie Überwindung kostet. Sie betont, dass niemandem etwas aufgezwungen wird und jeder selbst entscheiden kann, ob er sich unterhalten möchte.
Einige Praktiken der Zeugen Jehovas unterscheiden sich deutlich von denen anderer Religionen. So feiern sie beispielsweise keine Geburtstage oder traditionellen Feiertage wie Weihnachten. Melanie, die seit 34 Jahren ihren Geburtstag nicht feiert, vermisst dies nach eigener Aussage nicht. Für sie sind solche Anlässe nicht wichtig, da man Kuchen jederzeit essen und Gelegenheiten für Geschenke auch außerhalb von Geburtstagen finden kann, etwa für gute schulische Leistungen. Diese Entscheidungen basieren auf der Überzeugung, dass sie ihr Leben so führen möchten, wie es Gott gefällt, den sie als einen Freund betrachten. Verbote werden dabei nicht als Einschränkungen, sondern als Schutz verstanden, der ihnen selbst zugutekommt.
Die Finanzierung der Gemeinschaft erfolgt ausschließlich durch freiwillige Spenden. Es gibt keine Mitgliedsbeiträge. Diese Spenden werden beispielsweise für den Druck von Publikationen wie dem „Wachtturm“ verwendet, der mit einer Auflage von etwa 61 Millionen Exemplaren in 300 Sprachen die am weitesten verbreitete religiöse Zeitschrift der Welt ist. Spendengelder werden auch international für Katastrophenhilfe oder die Instandhaltung von Versammlungssälen in ärmeren Ländern eingesetzt.
Die Bedeutung der Bibel für Zeugen Jehovas
Die Bibel ist die unangefochtene Grundlage des Glaubens der Zeugen Jehovas. Sie glauben, dass sie Gottes inspiriertes Wort ist und versuchen, sich ganz genau an ihre Werte und Gebote zu halten. Ein zentrales Thema in ihren Lehren ist der „Tag des jüngsten Gerichts“ – ein Begriff, den viele mit dem „Weltuntergang“ gleichsetzen. Die Zeugen Jehovas glauben jedoch nicht an die vollständige Vernichtung der Erde oder der gesamten Menschheit. Vielmehr erwarten sie, dass Gott die Erde von allem Bösen reinigen und ein Paradies erblühen lassen wird, in dem alle guten Menschen in Frieden leben werden.
Dieser Glaube an ein zukünftiges, gereinigtes Paradies auf Erden ist eine treibende Kraft für ihre Predigttätigkeit. Sie sehen es als ihre Pflicht an, andere Menschen über die Inhalte der Bibel und die nahende Zeit des göttlichen Eingreifens zu informieren. Die Bibel nennt bestimmte Ereignisse, die kurz vor diesem Eingreifen Gottes zu sehen sein werden, wie Kriege, Lebensmittelknappheit und Erdbeben (Matthäus 24:6,7). Zeugen Jehovas interpretieren diese Zeichen als Beweis dafür, dass die Zeit nicht mehr fern ist.
Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass die Zeugen Jehovas in der Vergangenheit mehrere Vorhersagen bezüglich des genauen Zeitpunkts des „Weltuntergangs“ oder des Beginns des göttlichen Eingreifens getroffen haben, die sich als falsch erwiesen haben, darunter die Jahre 1914, 1918, 1925 und 1975. Trotz dieser früheren Fehleinschätzungen halten sie an ihrer Überzeugung fest, dass die Zeichen der Zeit auf ein baldiges Eingreifen Gottes hindeuten.
Medizinische Entscheidungen im Fokus: Blut und Alternativen
Ein besonders sensibles und oft diskutiertes Thema im Zusammenhang mit den Zeugen Jehovas sind ihre medizinischen Entscheidungen, insbesondere die Ablehnung von Bluttransfusionen. Ihre Haltung basiert auf einer wörtlichen Auslegung biblischer Gebote.

Das biblische Verbot von Bluttransfusionen
Jehovas Zeugen sind überzeugt, dass biblische Texte die Transfusion von Blut ausschließen. Sie zitieren dazu Verse wie 1. Mose 9:3,4 („Nur Fleisch mit seinem Leben – seinem Blut – dürft ihr nicht essen“), 3. Mose 17:13,14 („[Er] soll ... das Blut auslaufen lassen und es mit Staub bedecken“) und Apostelgeschichte 15:19,20 („Sie [sollen] sich ... von sexueller Unmoral, von Erwürgtem und von Blut [enthalten]“). Nach ihrer Auffassung schließen diese Verse die Transfusion von Vollblut sowie von den Hauptbestandteilen des Blutes (Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten und Blutplasma) aus. Sie betrachten Blut als heilig und als Symbol des Lebens, das Gott gehört.
Akzeptierte medizinische Behandlungen
Trotz der Ablehnung von Bluttransfusionen lieben Zeugen Jehovas das Leben und sind bestrebt, alle vernünftigen Anstrengungen zu unternehmen, um möglichst lange am Leben zu bleiben. Sie legen Wert auf hochwertige medizinische Versorgung und akzeptieren die allermeisten Behandlungsmethoden. Dazu gehören beispielsweise:
- Der mäßige Genuss alkoholischer Getränke ist nicht verboten, aber Substanzmissbrauch (einschließlich Tabak und Partydrogen) wird abgelehnt. Die medizinische Verwendung von Drogen unter ärztlicher Aufsicht ist eine persönliche Angelegenheit.
- Impfungen sind eine persönliche Entscheidung und werden von vielen Zeugen Jehovas akzeptiert.
- Organspende und -transplantation sind eine persönliche medizinische Entscheidung, da die Bibel den Verzehr von Gewebe oder Knochen nicht verbietet.
- Knochenmarktransplantationen sind eine persönliche medizinische Entscheidung, da Knochenmark in der Bibel nicht mit Blut gleichgesetzt wird.
- Empfängnisverhütung ist erlaubt, solange keine abortiven Methoden verwendet werden.
- Eine In-vitro-Fertilisation unter Verwendung der Eizellen der Ehefrau und des Spermas des Ehemannes ist eine persönliche Entscheidung.
- Lebensverlängernde Maßnahmen, die vernünftig und menschenwürdig sind, werden befürwortet. Außergewöhnliche, quälende oder kostspielige Maßnahmen zur bloßen Verlängerung des Sterbeprozesses werden jedoch nicht verlangt.
- Obduktionen sind eine Entscheidung der Angehörigen.
Verfahren und Produkte mit individueller Entscheidung
Die Haltung zu Blutderivaten (Fraktionen, die aus den Hauptbestandteilen des Blutes gewonnen werden, wie Albumin, Immunglobuline, Gerinnungsfaktoren und Hämoglobinlösungen) ist differenzierter. Die Verwendung dieser Derivate ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen, da sie oft nur einen kleinen Teil des Blutes darstellen und eine andere Funktion als die Transfusion von Vollblut oder dessen Hauptkomponenten haben. Jeder Zeuge Jehovas trifft hier eine individuelle Gewissensentscheidung. Dies gilt auch für bestimmte Autotransfusionsverfahren wie Hämodilution und Cell Salvage, bei denen das eigene Blut des Patienten verwendet wird, sowie für Plasmapherese (mit Plasmaersatz) und die Markierung von Blutkörperchen für Diagnoseverfahren.
Bei Stammzelltransplantationen ist die Herkunft entscheidend: Stammzellen, die auf Kosten des Lebens eines Embryos gewonnen werden, sind nicht akzeptabel. Stammzellen aus dem eigenen Blut oder dem Blut einer anderen Person können individuell akzeptiert werden, vorausgesetzt, es werden keine Blutkomponenten gesammelt, gelagert und reinfundiert oder transfundiert.
Patientenautonomie und Vorsorge
Die Patientenautonomie ist ein zentraler Aspekt im Umgang der Zeugen Jehovas mit medizinischer Versorgung. Sie tragen oft ein rechtsgültiges Dokument bei sich, das ihre Anweisungen zur Ablehnung von Bluttransfusionen enthält und ihre persönlichen Entscheidungen bezüglich Blutderivaten und Eigenblutverfahren festlegt. Dieses Dokument, eine Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht, kann auch einen rechtlichen Vertreter benennen, der im Falle der Einwilligungsunfähigkeit des Patienten konsultiert werden muss.
Um eine optimale Versorgung ohne Bluttransfusionen zu gewährleisten, setzen Zeugen Jehovas auf die „blutlose“ Medizin oder Patient Blood Management. Dies erfordert eine systematische Anwendung klinischer Strategien zur Minimierung von Blutverlust und zur Steigerung der Blutproduktion des Patienten. Weltweit verfügen die Zeugen Jehovas über ein Netzwerk von mehr als 2000 Krankenhaus-Verbindungs-Komitees (KVKs), die zuverlässige Informationen zu blutsparenden Verfahren bereitstellen und die ärztliche Versorgung für Patienten, die Zeugen Jehovas sind, erleichtern.
Tabelle: Medizinische Verfahren – Akzeptiert vs. Abgelehnt (Auswahl)
| Verfahren / Produkt | Haltung der Zeugen Jehovas |
|---|---|
| Vollbluttransfusion | Abgelehnt (biblisches Verbot) |
| Transfusion von Hauptbestandteilen (Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten, Plasma) | Abgelehnt (biblisches Verbot) |
| Blutderivate (Fraktionen wie Albumin, Immunglobuline, Gerinnungsfaktoren, Hämoglobinlösungen) | Individuelle Gewissensentscheidung |
| Präoperative Eigenblutspende | Abgelehnt |
| Autotransfusion (Hämodilution, Cell Salvage, extrakorporale Zirkulation mit blutfreien Pumpen) | Individuelle Gewissensentscheidung (oft akzeptiert) |
| Knochenmarktransplantation | Persönliche medizinische Entscheidung (oft akzeptiert) |
| Organspende / -transplantation | Persönliche medizinische Entscheidung (oft akzeptiert) |
| Impfungen | Persönliche Entscheidung (oft akzeptiert) |
| Empfängnisverhütung (nicht-abortiv) | Akzeptiert |
| Empfängnisverhütung (abortiv) | Abgelehnt |
| Künstliche Befruchtung (Eizellen/Sperma von Ehepaar) | Persönliche Entscheidung (oft akzeptiert) |
| Künstliche Befruchtung (Eizellen/Sperma von Dritten) | Abgelehnt |
| Stammzellen (aus Embryonen gewonnen) | Abgelehnt |
| Stammzellen (aus eigenem/anderem Blut, ohne Blutkomponenten-Reinfusion) | Individuelle Gewissensentscheidung (oft akzeptiert) |
| Lebensverlängernde Maßnahmen (vernünftig, menschenwürdig) | Akzeptiert |
| Lebensverlängernde Maßnahmen (außergewöhnlich, quälend, nur Sterbeprozess verlängernd) | Nicht verlangt |
Häufig gestellte Fragen
Wie fühlen Sie sich beim Predigen auf der Straße?
Melanie drückt aus, dass sie stolz auf das ist, was sie tut. Sie gibt zu, dass es natürlich Überwindung kostet, sich mitten auf die Straße zu stellen und Informationen anzubieten. Doch im Endeffekt sieht sie es so: Sie tut niemandem etwas Böses, sondern bietet lediglich Informationen an und zwingt niemandem etwas auf. Jeder Mensch darf selbst entscheiden, ob er mit ihnen reden möchte oder nicht. Sie glaubt nicht, dass die Leute generell eine schlechte Meinung von den Zeugen Jehovas oder von ihr persönlich haben. Die meisten Leute interessieren sich ihrer Erfahrung nach einfach gar nicht dafür, was sie tun, was sie als neutrale Reaktion empfindet.
Ist das eine effiziente Art, Menschen von eurem Glauben zu überzeugen, indem ihr auf der Straße rumsteht?
Melanie erklärt, dass es unterschiedliche Formen des Predigens gibt. Die Arbeit mit den Trolleys auf der Straße ist eine passive Form. Ihr Hauptziel ist es, Lesestoff anzubieten, Fragen zu beantworten oder einfach ein Gespräch zu ermöglichen. Die Menschen, die auf sie zukommen, sind sehr unterschiedlich. Manche stellen konkrete Fragen wie: „Was lehrt die Bibel eigentlich? Können Sie mir das in Kurzform erklären?“, oder sie kommentieren das Titelbild ihres monatlichen Magazins, des „Wachtturms“. Die Zeugen Jehovas praktizieren auch die aktive Missionsarbeit von Haus zu Haus, wo sie gezielt über bestimmte Themen sprechen oder ausgewählte Literatur anbieten, die auf die Bedürfnisse von Teenagern oder Familien zugeschnitten ist. Beide Methoden sollen dazu dienen, Menschen auf die biblische Botschaft aufmerksam zu machen und ihnen die Möglichkeit zu geben, mehr zu erfahren.
Wie viele Leute reden am Tag überhaupt mit Ihnen?
Die Anzahl der Gespräche, die Melanie an einem Tag führt, ist schwer zu beziffern, da sie stark von verschiedenen Faktoren wie dem Wetter und dem jeweiligen Tag abhängt. Manchmal kommen sehr viele Menschen auf sie zu, die spezifische Informationen über die Zeugen Jehovas suchen, ein bestimmtes Buch möchten oder sich einfach austauschen wollen, weil sie Gesellschaft suchen. Es gibt jedoch auch Tage, an denen niemand mit ihnen spricht. Die Erfahrung zeigt, dass die Resonanz sehr unterschiedlich ausfällt, aber selbst wenige bedeutungsvolle Gespräche werden als Erfolg gewertet.
Werden Sie manchmal beschimpft?
Melanie bestätigt, dass Beschimpfungen vorkommen, jedoch meist passiver Natur sind, indem Menschen sie eher mit ihren Blicken beschimpfen. Sie erinnert sich jedoch an einen Vorfall, bei dem sie mit ihrem Ehemann unterwegs war und ein Mann sie anspuckte. Er lief zweimal an ihnen vorbei, näherte sich von der Seite und spuckte auf sie und den Trolley. Dies geschah so schnell, dass sie beide nicht reagieren konnten. Sie wischten den Trolley ab und blieben an ihrem Platz stehen. Am selben Tag zischte ein anderer Mann im Vorbeigehen: „Sowas wie euch sollte man vergasen!“ Solche verbalen Angriffe sind zwar selten, aber sie kommen vor. Tätliche Angriffe hat Melanie glücklicherweise noch nie erlebt. Es ist wichtig zu beachten, dass im Zweiten Weltkrieg etwa 1.200 Zeugen Jehovas von Nationalsozialisten ermordet wurden, was solche Drohungen besonders schwerwiegend macht.

Verachten Sie nicht-gläubige Menschen?
Melanie reagiert auf diese Frage mit Lachen und verneint entschieden: „Nein, natürlich nicht, warum sollte ich?“ Sie betont, dass sie andere respektiert und sie nicht für das verurteilt, was sie glauben oder nicht glauben. Genauso erwartet sie auch selbst Respekt. Sie würde niemals jemandem ihre Religion aufzwingen. Diese Haltung spiegelt die Überzeugung wider, dass jeder Mensch das Recht auf Glaubensfreiheit hat und persönliche Entscheidungen respektiert werden sollten.
Wird Gott mich vernichten, weil ich nicht an ihn glaube?
Melanie sagt, dass sie als einzelner Mensch nicht beantworten kann, welche Entscheidungen Gott treffen wird. Sie würde sich niemals hinstellen und behaupten, dass nur Zeugen Jehovas gerettet werden und Andersgläubige alle sterben werden. Für sie ist klar, dass allein Jehova entscheidet, welche Menschen er in seinem Paradies haben möchte und welche nicht. Diese Antwort unterstreicht die theologische Sichtweise, dass das letzte Urteil bei Gott liegt und nicht bei den Menschen.
Feiern Sie manchmal heimlich Ihren Geburtstag?
Melanie hat diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Sie ist 34 Jahre alt und hat 34 Mal ihren Geburtstag nicht gefeiert – und es auch 34 Mal nicht vermisst. Ihr ist dieser Tag einfach nicht wichtig. Manchmal vergisst sie sogar das genaue Datum ihres Geburtstages. Sie hatte auch nie das Gefühl, etwas zu verpassen, denn Kuchen kann man schließlich immer essen, und Gelegenheiten, beschenkt zu werden, gibt es viele, zum Beispiel für ein gutes Zeugnis in der Schule. Diese Aussage verdeutlicht, dass die Ablehnung des Geburtstagsfeierns eine tief verwurzelte persönliche Überzeugung ist und nicht als Verbot oder Verzicht empfunden wird.
Wann konnten Sie zuletzt etwas nicht tun, weil Sie eine Zeugin Jehovas sind?
Melanie nennt als Beispiel die Weihnachtsfeier auf ihrer Arbeit, an der sie aufgrund ihres Glaubens nicht teilgenommen hat. Sie gibt sich Mühe, ihr Leben so zu führen, wie es Gott gefällt, und hat daher nicht den Wunsch, etwas zu tun, was er nicht gut fände – weil es ihr selbst nicht gut tun würde. Für sie ist es nicht so, dass ihr etwas verboten wird. Im Gegenteil: Es liegt ihr am Herzen, Gott, mit dem sie eine Freundschaft pflegt, nicht traurig zu machen. Dies zeigt, dass ihre Entscheidungen aus einer persönlichen Beziehung zu Gott resultieren und nicht aus einem Gefühl der Einschränkung.
Wie viel Geld investieren Sie monatlich in die Gemeinschaft?
Melanie erklärt, dass es bei den Zeugen Jehovas keine Mitgliederbeiträge gibt. Stattdessen gibt es am Eingang des Königreichssaals einen Holzkasten, in den jeder eine Spende einwerfen kann, so viel und so oft, wie er oder sie möchte. Über den genauen Betrag wird untereinander nicht gesprochen, da dies Privatsache ist. Das gespendete Geld wird für verschiedene Zwecke verwendet, wie zum Beispiel für den Druck des „Wachtturms“ oder für internationale Projekte wie Katastrophenhilfe oder die Instandhaltung von Versammlungssälen in ärmeren Ländern. Dies unterstreicht den freiwilligen Charakter der Spenden und die weltweite Verteilung der Mittel.
Wann erwarten Sie den Weltuntergang?
Melanie erläutert, dass die Zeugen Jehovas gemäß der Bibel keinen „Weltuntergang“ in dem Sinne erwarten, dass die Erde oder die gesamte Menschheit vernichtet wird. Das Wort „Welt“ bezieht sich in der Bibel oft auf eine bestimmte Gesellschaft oder das bestehende System der Dinge. Die Bibel spricht davon, dass Jehova zu einer festgelegten Zeit alles Schlechte vernichten und dann gerechte Menschen auf der Erde leben lassen wird, wie es in Psalm 37:10,11 ausgedrückt wird: „Und nur noch eine kleine Weile, und der Böse wird nicht mehr sein (...). Die Sanftmütigen aber werden die Erde besitzen, und sie werden ihre Wonne haben an der Fülle des Friedens.“ Sie kennen nicht die genaue Zeit, wann Jehova dies tun wird, aber die Bibel nennt einige Ereignisse, die kurz vor dem Eingreifen Gottes geballt zu sehen sein werden, wie Kriefe, Lebensmittelknappheit und Erdbeben (Matthäus 24:6,7). Melanie sagt, dass viele Menschen, wenn sie diese Passagen vorliest, sagen, es klinge wie die aktuellen Nachrichten. Daran erkennt sie, dass es bis zum Eingreifen Gottes nicht mehr lange dauern kann, und das ist auch der Grund, warum Zeugen Jehovas andere Menschen über die Inhalte der Bibel informieren.
Schlussbetrachtung
Die Zeugen Jehovas sind eine Glaubensgemeinschaft, die sich durch eine tiefe Verankerung in biblischen Lehren und eine konsequente Lebensführung auszeichnet. Ihre Überzeugungen prägen nicht nur ihren Alltag und ihre Missionstätigkeit, sondern auch grundlegende Entscheidungen in Bereichen wie Medizin und persönlicher Lebensgestaltung. Die Ablehnung von Bluttransfusionen ist dabei ein zentrales Merkmal, das aus einer wörtlichen Interpretation biblischer Gebote resultiert, während sie gleichzeitig eine umfassende medizinische Versorgung und blutsparende Alternativen aktiv fördern.
Für Außenstehende mögen einige ihrer Praktiken ungewöhnlich erscheinen, doch aus der Perspektive ihrer Mitglieder sind sie Ausdruck einer tiefen Freundschaft zu Gott und dem Wunsch, sein Wohlgefallen zu erlangen. Das Verständnis ihrer Motivationen und die Anerkennung ihrer Patientenautonomie sind entscheidend für einen respektvollen Umgang mit dieser einzigartigen Glaubensgemeinschaft. Sie leben ihren Glauben mit Überzeugung und sind bereit, die damit verbundenen Herausforderungen anzunehmen, in der Hoffnung auf ein zukünftiges Paradies auf einer gereinigten Erde.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Zeugen Jehovas: Glaube, Leben und medizinische Wahl kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Wellness besuchen.
