Wie hoch ist der Selbstbehalt?

Selbstbehalt in der Krankenkasse: Sparen oder Risiko?

11/02/2026

Rating: 4.01 (16864 votes)

In einer Zeit, in der die Gesundheitskosten stetig steigen und die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden, suchen viele Versicherte nach Möglichkeiten, ihre monatlichen Beiträge zu senken. Die verschiedenen Gesundheitsreformen der letzten Jahre haben dazu geführt, dass die Krankenkassen eine breite Palette an sogenannten Spartarife eingeführt haben, um den Mitgliedern Einsparpotenziale zu bieten. Eines dieser Modelle, das aus anderen Versicherungsbereichen wie der Kfz-Versicherung bekannt ist, ist der Selbstbehalttarif. Doch ist dieses Modell wirklich für jeden eine sinnvolle Option, oder birgt es unkalkulierbare Risiken?

Die Realität vieler Gesundheitsreformen zeichnet ein klares Bild: Leistungen sinken, während die Beiträge steigen. Aktuelle Beispiele, wie die Kürzungen bei den Zuschüssen für Zahnbehandlungen, zeigen deutlich, dass Versicherte immer öfter einen größeren Eigenanteil aus eigener Tasche zahlen müssen. Dies verstärkt den Wunsch nach Einsparmöglichkeiten und lässt den Selbstbehalttarif auf den ersten Blick attraktiv erscheinen. Doch ein genauerer Blick offenbart, dass dieses Modell nicht ohne Haken ist und eine fundierte Entscheidung auf Basis der individuellen Lebensumstände erfordert.

Was kostet eine Behandlung bei der ÖGK?
Ihre behandelnde Ärztin bzw. Ihr behandelnder Arzt stellt Ihnen diese aus. Eine Bewilligung ist bis auf Weiteres nicht notwendig! Behandlungen bei Vertragspartnern der ÖGK sowie in den ÖGK-Gesundheitszentren für Physikalische Medizin sind für Sie kostenlos. Die Vertragspartner verrechnen die Honorare für Vertragsleistungen direkt mit der ÖGK.
Inhaltsverzeichnis

Was genau ist ein Selbstbehalttarif bei der Krankenkasse?

Der Begriff „Selbstbehalt“ ist vielen aus der privaten Krankenversicherung oder der Kfz-Versicherung geläufig. Er beschreibt einen Betrag, den der Versicherte im Schadensfall oder bei Inanspruchnahme von Leistungen selbst trägt, bevor die Versicherung die restlichen Kosten übernimmt. Bei den gesetzlichen Krankenkassen funktioniert der Selbstbehalttarif, auch Wahltarif genannt, nach einem ähnlichen Prinzip. Versicherte verpflichten sich hierbei, einen bestimmten Anteil der Kosten für ambulante Behandlungen selbst zu tragen, bis eine vorab festgelegte Höchstgrenze erreicht ist. Im Gegenzug erhalten sie eine Reduzierung ihrer monatlichen Beiträge oder eine jährliche Bonuszahlung, die bis zu 600 Euro betragen kann.

Das Prinzip ist einfach: Je höher der gewählte Selbstbehalt ist, desto niedriger fällt in der Regel die monatliche Prämie aus. Die Idee dahinter ist, dass Versicherte seltener zum Arzt gehen oder bewusster mit Gesundheitsleistungen umgehen, wenn sie einen Teil der Kosten selbst tragen müssen. Das soll die Krankenkassen entlasten und gleichzeitig den Versicherten einen finanziellen Anreiz bieten. Allerdings liegt der tatsächliche Selbstbehalt, den man im Krankheitsfall aufbringen müsste, meist deutlich über dem Bonus oder der ersparten Prämie. In vielen Fällen übersteigt der Selbstbehalt den möglichen Bonus um 150 Euro oder sogar bis zu 300 Euro, was bedeutet, dass die „Ersparnis“ schnell zu einer zusätzlichen Belastung werden kann, sobald man ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen muss.

Die Krux mit der Mindestvertragslaufzeit

Eine weitere wichtige Besonderheit der Selbstbehalttarife, die oft übersehen wird, ist die damit verbundene Bindungsfrist. Während ein Wechsel der Krankenkasse grundsätzlich nach achtzehn Monaten Mitgliedschaft möglich ist (mit Ausnahme des Sonderkündigungsrechts bei der Erhebung eines Zusatzbeitrags), verpflichten sich Versicherungsnehmer bei einem Selbstbehalttarif für mindestens drei Jahre an ihre Krankenkasse. Diese Mindestvertragslaufzeit ist ein erheblicher Unterschied und schränkt die Flexibilität des Versicherten stark ein.

Was bedeutet das konkret? Sollten sich die Leistungen Ihrer Krankenkasse ändern, die Beiträge steigen oder Sie einfach unzufrieden mit dem Service sein, sind Sie für volle drei Jahre an diesen Tarif gebunden. Ein vorzeitiger Wechsel ist nur in sehr speziellen Fällen möglich, beispielsweise wenn die Krankenkasse einen neuen Zusatzbeitrag einführt. In allen anderen Situationen müssen Sie die volle Laufzeit abwarten, selbst wenn sich Ihre Lebensumstände oder Ihr Gesundheitszustand drastisch ändern. Diese lange Bindung erfordert eine sehr sorgfältige Abwägung vor dem Abschluss, da sie potenzielle Nachteile für die Flexibilität und die Möglichkeit, auf bessere Angebote zu reagieren, mit sich bringt.

Für wen sind Selbstbehalttarife geeignet – und für wen nicht?

Die Frage, ob ein Selbstbehalttarif sinnvoll ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt maßgeblich vom individuellen Gesundheitszustand, der Lebenssituation und der Risikobereitschaft ab.

Keine gute Wahl für chronisch Kranke und häufige Arztbesucher

Für Menschen, die unter chronischen Erkrankungen leiden oder aus anderen Gründen regelmäßig ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen, sind Selbstbehalttarife in der Regel keine gute Wahl. Da sie ohnehin häufig den Arzt aufsuchen und Medikamente benötigen, würden sie den Selbstbehalt schnell erreichen und in den meisten Fällen deutlich mehr aus eigener Tasche bezahlen, als sie an Beiträgen einsparen könnten. Die vermeintliche Ersparnis würde sich schnell in eine zusätzliche finanzielle Belastung verwandeln. Auch wer nicht chronisch krank ist, aber erfahrungsgemäß öfter im Jahr erkrankt und ärztliche Leistungen benötigt, sollte von diesem Tarif Abstand nehmen.

Attraktiv für jüngere, gesunde Menschen – aber mit Risiko

Tendenziell können Selbstbehalttarife für jüngere Versicherungsnehmer attraktiv sein, die in der Regel selten den Arzt aufsuchen und einen stabilen Gesundheitszustand haben. Hier besteht die Möglichkeit, über die Jahre hinweg Beiträge zu sparen, da die Wahrscheinlichkeit, den Selbstbehalt zu erreichen, geringer ist. Doch selbst für diese Personengruppe ist der Abschluss eines solchen Tarifs eine Art „Wette auf die eigene Gesundheit“. Niemand ist vor unerwarteten Erkrankungen oder Unfällen gefeit. Eine plötzliche schwere Krankheit oder ein Unfall kann dazu führen, dass der Selbstbehalt schnell ausgeschöpft ist und man unter dem Strich deutlich mehr bezahlen muss, als man jemals hätte einsparen können. Es ist eine Abwägung zwischen potenzieller Ersparnis und dem Risiko unvorhergesehener hoher Kosten.

Ausgenommene Leistungen: Vorsorge und Kinder

Ein wichtiger Aspekt, der bei der Entscheidung für oder gegen einen Selbstbehalttarif berücksichtigt werden muss, sind die Leistungen, die von der Rückzahlung des Bonus oder der Anrechnung auf den Selbstbehalt ausgeschlossen sind. Dazu gehören in der Regel:

  • Vorsorgeuntersuchungen: Bestimmte, von den Krankenkassen getragene Vorsorgeuntersuchungen, die der Früherkennung von Krankheiten dienen (z.B. Krebsvorsorge, Check-ups), werden nicht auf den Selbstbehalt angerechnet und haben keinen Einfluss auf die Bonuszahlung. Das ist positiv, da es die Inanspruchnahme dieser wichtigen Leistungen nicht unattraktiv macht.
  • Leistungen für mitversicherte Kinder: Kosten für medizinische Behandlungen von Kindern, die das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben und über die Familienversicherung mitversichert sind, sind ebenfalls vom Anspruch auf Rückzahlung ausgeschlossen und werden nicht auf den Selbstbehalt der Eltern angerechnet. Dies stellt sicher, dass Kinder die notwendige medizinische Versorgung ohne finanzielle Hürden erhalten.

Diese Ausnahmen sind wichtig, da sie sicherstellen, dass essenzielle Gesundheitsleistungen und die Versorgung von Kindern nicht durch das Selbstbehaltmodell beeinträchtigt werden.

Krankenzusatzversicherung als Alternative oder Ergänzung?

Angesichts der zunehmenden Leistungskürzungen der GKV suchen viele Versicherte nach Wegen, die entstehenden Lücken zu schließen. Eine private Krankenzusatzversicherung kann hier eine sinnvolle Ergänzung sein. Im Gegensatz zum Selbstbehalttarif, der auf die Reduzierung des Basisbeitrags abzielt, deckt eine Zusatzversicherung Leistungen ab, die von der gesetzlichen Krankenkasse nicht oder nur teilweise übernommen werden. Dazu gehören beispielsweise:

  • Höhere Zuzahlungen beim Zahnarzt (z.B. für Zahnersatz oder professionelle Zahnreinigung)
  • Heilpraktikerleistungen und alternative Medizin
  • Erstattung von Sehhilfen
  • Leistungen für Krankenhausaufenthalte (z.B. Chefarztbehandlung, Einzelzimmer)
  • Auslandsreisekrankenversicherung

Eine Krankenzusatzversicherung kann die Versorgungslücken schließen und dafür sorgen, dass der Eigenanteil im Krankheitsfall gering bleibt. Sie ist in der Regel bereits zu günstigen Konditionen erhältlich, jedoch sollte man genau auf die angebotenen Leistungen achten, damit diese den individuellen Bedürfnissen entsprechen. Während der Selbstbehalttarif eine Wette auf die Nicht-Inanspruchnahme von Leistungen ist, bietet die Zusatzversicherung einen Schutz für den Fall, dass Leistungen benötigt werden, die über den GKV-Standard hinausgehen.

Tabelle: Selbstbehalttarife im Vergleich – Lohnt sich das für Sie?

Um die Entscheidung zu erleichtern, betrachten wir hypothetische Szenarien, die die Auswirkungen eines Selbstbehalttarifs verdeutlichen.

PersonentypGesundheitszustandArztbesuche p.a. (geschätzt)Monatliche Ersparnis durch Selbstbehalt (hypothetisch)Potenziell anfallende Kosten (Selbstbehalt + weitere Eigenanteile)Fazit
Jung & gesundSehr gut, sportlich aktiv0-2 (Check-up, Impfung)20-40 €0-100 € (gering)Kann sich lohnen, wenn keine unerwarteten Ereignisse auftreten. Risiko bleibt.
Gelegentlich krankDurchschnittlich, 1-2 Infekte/Jahr3-5 (Infekte, Spezialist)20-40 €200-500 € (mittel)Eher kritisch. Die Ersparnis wird schnell durch Eigenanteile aufgebraucht, ggf. Verlust.
Chronisch krankRegelmäßige Behandlungen, Medikamente> 5 (Spezialisten, Therapie)20-40 €> 600 € (hoch)Definitiv nicht zu empfehlen. Hohe Mehrkosten durch den Selbstbehalt.

Hinweis: Die Zahlen sind rein hypothetisch und dienen nur der Veranschaulichung. Tatsächliche Ersparnisse und Kosten variieren stark.

Häufig gestellte Fragen zu Selbstbehalttarifen

Was ist der Hauptunterschied zwischen einem Standard- und einem Selbstbehalttarif?

Der Hauptunterschied liegt darin, dass Sie bei einem Selbstbehalttarif einen vorab festgelegten Anteil der Kosten für ambulante Behandlungen selbst tragen, bevor die Krankenkasse zahlt. Im Gegenzug erhalten Sie eine Beitragsreduzierung oder einen Bonus. Beim Standardtarif zahlen Sie keine solchen direkten Eigenanteile für die Basisleistungen, haben aber auch keine Möglichkeit, durch Selbstbehalt zu sparen.

Wie hoch kann der Selbstbehalt sein und wie wirkt sich das auf meine Beiträge aus?

Die Höhe des Selbstbehalts variiert je nach Krankenkasse und Tarifmodell, oft im Bereich von einigen hundert bis über tausend Euro pro Jahr. Grundsätzlich gilt: Je höher der gewählte Selbstbehalt, desto niedriger fällt Ihre monatliche Prämie aus oder desto höher ist der jährliche Bonus, den Sie erhalten können.

Muss ich mich lange an meine Krankenkasse binden, wenn ich einen Selbstbehalttarif wähle?

Ja, in der Regel verpflichten Sie sich bei einem Selbstbehalttarif für eine Mindestvertragslaufzeit von drei Jahren an Ihre Krankenkasse. Dies ist länger als die übliche Bindungsfrist von 18 Monaten bei einem Standardtarif und schränkt Ihre Flexibilität ein.

Welche Leistungen muss ich bei einem Selbstbehalttarif immer selbst zahlen?

Sie zahlen die Kosten für ambulante Behandlungen bis zur Höhe des vereinbarten Selbstbehalts selbst. Ausgenommen von der Anrechnung auf den Selbstbehalt und der Rückzahlung sind bestimmte Vorsorgeuntersuchungen und Leistungen für mitversicherte Kinder unter 18 Jahren.

Kann ich den Selbstbehalttarif wechseln, wenn sich mein Gesundheitszustand ändert?

Während der dreijährigen Mindestvertragslaufzeit können Sie den Selbstbehalttarif in der Regel nicht einfach wechseln, auch wenn sich Ihr Gesundheitszustand verschlechtert. Ein Wechsel der Krankenkasse oder des Tarifs ist erst nach Ablauf der Frist möglich, es sei denn, es tritt ein Sonderkündigungsrecht (z.B. bei Einführung eines Zusatzbeitrags) in Kraft.

Gibt es Risiken, die ich beachten sollte?

Das größte Risiko ist, dass Sie im Krankheitsfall deutlich mehr aus eigener Tasche zahlen müssen, als Sie durch die Beitragsreduzierung gespart haben. Dies betrifft insbesondere Menschen mit chronischen Erkrankungen oder solche, die häufiger ärztliche Hilfe benötigen. Es ist eine Wette auf die eigene Gesundheit, die nicht immer aufgeht.

Fazit: Eine Entscheidung, die gut überlegt sein will

Selbstbehalttarife der Krankenkassen sind ein zweischneidiges Schwert. Sie bieten auf den ersten Blick attraktive Einsparmöglichkeiten bei den monatlichen Beiträgen. Doch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass diese Tarife nicht für jeden Versicherten geeignet sind und erhebliche Risiken bergen können. Die lange Bindungsfrist von drei Jahren, die Tatsache, dass der Selbstbehalt in den meisten Fällen über dem möglichen Bonus liegt, und die potenziellen Mehrkosten im Krankheitsfall machen eine sorgfältige Abwägung unerlässlich.

Besonders chronisch Kranke oder Menschen, die häufiger den Arzt aufsuchen, sollten von solchen Tarifen Abstand nehmen, da sie mit hoher Wahrscheinlichkeit finanziell schlechter dastehen würden. Selbst für junge und gesunde Versicherte ist es eine „Wette auf die Gesundheit“, deren Ausgang ungewiss ist. Bevor Sie sich für einen Selbstbehalttarif entscheiden, sollten Sie Ihre persönliche Gesundheitssituation, Ihre finanzielle Risikobereitschaft und die Notwendigkeit flexibler Tarifwechselmöglichkeiten genau analysieren. Manchmal ist der scheinbar höhere Standardtarif die sicherere und langfristig günstigere Wahl, um im Ernstfall bestens abgesichert zu sein und unerwartete finanzielle Belastungen zu vermeiden.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Selbstbehalt in der Krankenkasse: Sparen oder Risiko? kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Wellness besuchen.

Go up