12/03/2024
Jeder kennt es: Man sitzt lange in einer unbequemen Position, und plötzlich fühlen sich die Beine oder Füße taub an, gefolgt von einem unangenehmen Kribbeln. Umgangssprachlich sagt man, die Gliedmaßen seien „eingeschlafen“. Diese Empfindung ist meist harmlos und verschwindet rasch, sobald man sich bewegt oder die Position ändert. Doch was, wenn das Kribbeln und Taubheitsgefühl häufiger auftreten, länger anhalten oder sogar mit weiteren Symptomen einhergehen? Dann kann mehr dahinterstecken als nur ein „Einschlafen“. Missempfindungen können ein wichtiges Signal unseres Körpers sein, das auf eine zugrunde liegende Erkrankung hinweist. Von Nervenproblemen über Durchblutungsstörungen bis hin zu psychischen Ursachen – die Bandbreite ist groß. Es ist entscheidend zu wissen, wann Sie selbst Abhilfe schaffen können und wann ein Arztbesuch unumgänglich ist, um die genaue Ursache abzuklären und gegebenenfalls eine passende Behandlung einzuleiten.

- Was sind Kribbeln und Taubheitsgefühle? Eine Definition
- Wann sollten Sie ärztlichen Rat suchen? Dringende Warnzeichen
- Häufige Ursachen für Missempfindungen: Ein Überblick
- Nervenerkrankungen als Auslöser
- Polyneuropathie: Wenn die Nervenenden leiden
- Restless-Legs-Syndrom (RLS): Unruhige Beine
- Multiple Sklerose (MS): Eine komplexe Erkrankung
- Parkinson-Krankheit: Mehr als nur Zittern
- Migräne: Aura als Vorbote
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Seltene Autoimmunreaktion
- Bandscheibenvorfall: Druck auf die Nervenwurzeln
- Engpasssyndrome: Nerven unter Druck
- Durchblutungsstörungen: Wenn das Blut nicht fließt
- Psychische Ursachen: Wenn die Psyche den Körper beeinflusst
- Medikamente und Umweltgifte: Unerwünschte Nebenwirkungen
- Der Weg zur Diagnose: Wie Ärzte vorgehen
- Behandlung von Kribbeln und Taubheitsgefühlen
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was sind Kribbeln und Taubheitsgefühle? Eine Definition
Kribbeln und Taubheitsgefühle, medizinisch Parästhesien und Hypästhesien genannt, sind Empfindungsstörungen, die sich auf unterschiedliche Weise äußern können. Sie entstehen, wenn die Nerven, die für die Weiterleitung von Sinneseindrücken zuständig sind, über- oder unteraktiv sind oder geschädigt wurden.
Kribbeln: Das Gefühl von „Ameisenlaufen“
Kribbeln wird oft als unangenehmes, meist schmerzloses Gefühl auf der Hautoberfläche beschrieben. Viele Menschen empfinden es als „Ameisenlaufen“, „Ziehen“, „Stechen“ oder sogar als „Brennen“ oder „elektrisierend“. Dieses Gefühl entsteht, wenn Nervenzellen, die normalerweise auf äußere Reize wie Berührung oder Druck reagieren, ohne einen solchen Reiz aktiv sind. Es handelt sich quasi um eine „Fehlzündung“ der Nerven, die dem Gehirn eine Empfindung melden, obwohl kein äußerer Anlass dafür vorliegt.
Taubheitsgefühle: Wenn das Empfinden schwindet
Taubheitsgefühle hingegen deuten darauf hin, dass die Nerven in einem bestimmten Bereich weniger aktiv sind oder ihre Funktion nicht mehr vollständig erfüllen können. In den betroffenen Arealen ist das Empfinden reduziert oder ganz aufgehoben. Dies kann bedeuten, dass die Nerven geschädigt sind und ihre Fähigkeit, Reize weiterzuleiten, eingebüßt haben. Eine weitere häufige Ursache für Taubheitsgefühle sind Durchblutungsstörungen. Wenn ein Körperteil nicht ausreichend mit Blut und somit mit Sauerstoff versorgt wird, können die Nerven nicht richtig funktionieren, was zu einem Gefühl der Taubheit führt. Taubheitsgefühle können sehr störend sein und sich manchmal über eine ganze Körperseite ausbreiten.
Wann sollten Sie ärztlichen Rat suchen? Dringende Warnzeichen
Während „eingeschlafene“ Gliedmaßen in der Regel harmlos sind und durch leichte Bewegung oder Massage schnell wieder verschwinden, gibt es Situationen, in denen Kribbeln und Taubheitsgefühle ein ernsthaftes Warnsignal des Körpers darstellen. Es ist wichtig, diese Alarmzeichen zu kennen und entsprechend zu handeln. Suchen Sie unbedingt ärztlichen Rat, wenn Kribbeln oder Taubheitsgefühle:
- Unvermittelt und ohne erkennbaren Grund oder nach einem Unfall einsetzen.
- Sehr ausgeprägt sind, länger anhalten oder häufig wieder auftreten.
- Sich durch Bewegung nicht bessern oder sogar schlimmer werden.
- Mit weiteren Symptomen einhergehen, wie beispielsweise Schmerzen, Schwindel, Probleme beim Sehen oder Sprechen, Bewusstseinsstörungen, Muskelzuckungen, Lähmungen oder Hautveränderungen.
Wichtig: Plötzliche Taubheitsgefühle und Lähmungen auf einer Körperseite, möglicherweise begleitet von Sprach- oder Sehstörungen, können auf einen Schlaganfall hinweisen. In diesem Fall ist es entscheidend, sofort den Notruf 112 zu wählen. Jede Minute zählt, um mögliche bleibende Schäden zu minimieren.
Tabelle: Harmloses „Einschlafen“ vs. Alarmzeichen
| Merkmal | Harmloses „Einschlafen“ | Alarmierende Missempfindungen |
|---|---|---|
| Dauer | Kurzzeitig, verschwindet schnell | Länger anhaltend, wiederkehrend |
| Auslöser | Langes Sitzen/Liegen in ungünstiger Position | Ohne erkennbaren Grund, nach Unfall |
| Verbesserung | Durch Bewegung/Lageänderung | Keine Besserung, verschlechtert sich |
| Begleitsymptome | Keine | Schmerzen, Schwindel, Sprachstörungen, Lähmungen, Bewusstseinsstörungen, Hautveränderungen |
| Handlung | Bewegung, leichte Massage | Sofort ärztlichen Rat suchen, ggf. Notruf 112 |
Häufige Ursachen für Missempfindungen: Ein Überblick
Die Gründe für Kribbeln und Taubheitsgefühle sind vielfältig und reichen von relativ harmlosen Zuständen bis hin zu ernsthaften medizinischen Problemen. Meistens stecken Probleme oder Erkrankungen der Nerven, Durchblutungsstörungen oder psychische Störungen dahinter. Manchmal treten Missempfindungen auch als Nebenwirkung bestimmter Medikamente auf oder infolge von Nervenschäden durch Vergiftung, Verbrennung oder Erfrierung. Ein Mangel an wichtigen Nährstoffen wie Vitamin B12, erhöhter Alkoholkonsum und Infektionskrankheiten wie Borreliose, Gürtelrose, Lippenherpes oder eine HIV-Infektion können ebenfalls die Nerven beeinträchtigen und somit Kribbeln und Taubheitsgefühle verursachen. In seltenen Fällen können auch raumgreifende Gewebewucherungen im Gehirn oder Rückenmark auf Nerven und Gefäße drücken und Missempfindungen hervorrufen. Im Folgenden finden Sie eine Auswahl der häufigsten Ursachen.
Nervenerkrankungen als Auslöser
Probleme mit dem Nervensystem sind eine der Hauptursachen für Kribbeln und Taubheitsgefühle. Dies kann sowohl die peripheren Nerven (außerhalb von Gehirn und Rückenmark) als auch das zentrale Nervensystem betreffen.
Polyneuropathie: Wenn die Nervenenden leiden
Bei einer Polyneuropathie kommt es zu Schäden an den peripheren Nerven. Dies betrifft häufig zuerst die kleinen Nervenenden an Händen und Füßen. Typische Symptome sind Kribbeln, Ameisenlaufen und Taubheitsgefühle, die sich oft „handschuh-“ oder „sockenförmig“ an beiden Gliedmaßen ausbreiten. Eine Polyneuropathie kann verschiedene Ursachen haben, darunter Diabetes mellitus (eine der häufigsten Ursachen), Alkoholmissbrauch, Vitamin-B12-Mangel, bestimmte Infektionen oder Vergiftungen.
Restless-Legs-Syndrom (RLS): Unruhige Beine
Das Syndrom der unruhigen Beine äußert sich durch unangenehme Missempfindungen wie schmerzhaftes Kribbeln, Ziehen und Brennen, vor allem in den Beinen. Die Symptome treten oder verschlimmern sich in Ruhe, insbesondere abends und nachts, und führen zu einem starken Drang, die Beine zu bewegen. Meist bessern sich die Beschwerden vorübergehend beim Umhergehen.
Multiple Sklerose (MS): Eine komplexe Erkrankung
MS ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, das Gehirn und Rückenmark umfasst. Sie beginnt oft im jungen Erwachsenenalter und äußert sich durch vielfältige Symptome wie Gefühlsstörungen, Lähmungen, Seh- und Gleichgewichtsprobleme. Kribbeln und Taubheitsgefühle sind häufige Frühsymptome.
Parkinson-Krankheit: Mehr als nur Zittern
Bei der Parkinson-Krankheit sterben bestimmte Nervenzellen im Gehirn ab, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Der Dopaminmangel beeinträchtigt normale Bewegungsabläufe und führt zu Muskelsteifigkeit (Rigor), Zittern (Tremor) und Bewegungsarmut. Kribbeln und Taubheitsgefühle können auch hier zu den frühen Anzeichen gehören.
Migräne: Aura als Vorbote
Manchmal können Kribbeln und Taubheitsgefühle eine Migräne-Attacke ankündigen, man spricht dann von einer Migräne mit Aura. Die Missempfindungen treten zumeist im Gesicht auf oder einseitig an Armen oder Beinen. Begleitende Symptome können starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit sein.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Seltene Autoimmunreaktion
Das GBS ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die peripheren Nerven angreift und schädigt. Initial äußert es sich oft durch Kribbeln und Taubheitsgefühle in Händen und Füßen. Im Verlauf können Lähmungserscheinungen hinzukommen, die sich auf den gesamten Körper ausbreiten können. Oft geht einem GBS eine Infektion voraus. Die meisten Betroffenen erholen sich innerhalb von Wochen bis Monaten.
Bandscheibenvorfall: Druck auf die Nervenwurzeln
Die Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern können verrutschen oder reißen, wodurch die gelartige Masse im Inneren austritt und auf Nervenwurzeln im Wirbelkanal drückt. Je nachdem, wo der Vorfall auftritt, können Kribbeln, Schmerzen und Lähmungserscheinungen in den Beinen (bei einem Vorfall in der Lendenwirbelsäule) oder in Arm und Hand (bei einem Vorfall in der Halswirbelsäule) auftreten.
Engpasssyndrome: Nerven unter Druck
Nerven können an bestimmten anatomischen Engstellen im Körper eingeklemmt werden, was zu Missempfindungen führt.
Karpaltunnelsyndrom: Die Hand im Griff
Der Mittelhandnerv verläuft durch den Karpaltunnel im Bereich der Handwurzel. Wird dieser Nerv eingeklemmt, äußert sich dies durch Kribbeln und Taubheitsgefühle, typischerweise am Mittel- und Ringfinger, später auch an Daumen und Zeigefinger. Schmerzen können ebenfalls auftreten und bis in den Arm ausstrahlen.
Ulnartunnel- und Ulnarrinnensyndrom: Der Ellenbogen-Nerv
Der Ellen-Nerv (Nervus ulnaris) verläuft vom Achselbereich bis zur Hand. Eine Einklemmung dieses Nervs, zum Beispiel durch Druck beim Radfahren (sogenannte „Radfahrerlähmung“) oder häufiges Aufstützen der Arme, führt zu Taubheitsgefühlen, insbesondere am kleinen Finger und teilweise am Ringfinger.
Leistentunnelsyndrom (Meralgia paraesthetica): Oberschenkel-Beschwerden
Bei diesem Syndrom wird der Oberschenkelhautnerv im Bereich des Leistenbands oder Leistenkanals eingeklemmt. Ursachen können zu enge Kleidung (z.B. Jeans) oder Übergewicht sein. Es kommt meist zu Schmerzen und Gefühlsstörungen am oberen und seitlichen Oberschenkel.
Durchblutungsstörungen: Wenn das Blut nicht fließt
Eine unzureichende Blutversorgung kann ebenfalls zu Kribbeln und Taubheitsgefühlen führen, da die Nerven nicht ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden.
Schlaganfall: Ein medizinischer Notfall
Ein Schlaganfall tritt auf, wenn ein Teil des Gehirns nicht mehr richtig durchblutet wird, meist durch ein Blutgerinnsel, das ein Hirngefäß verstopft, seltener durch eine Hirnblutung. Die Minderdurchblutung führt zu Sauerstoffmangel und kann lebensbedrohlich sein. Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen in Arm, Bein oder Gesicht, vor allem wenn sie nur eine Körperseite betreffen, können auf einen Schlaganfall hinweisen. Weitere Anzeichen sind Sprach- oder Sehstörungen und Schwindel. Bei Verdacht sofort den Notruf 112 wählen!
Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK): Die „Schaufensterkrankheit“
Bei der PAVK ist der Blutfluss in den Beingefäßen behindert, oft durch Arteriosklerose (Arterienverkalkung). Dies äußert sich zunächst durch Schmerzen, die nur beim Gehen auftreten und so stark werden können, dass sie zum Stehenbleiben zwingen („Schaufensterkrankheit“). Da bei einer PAVK auch die Nerven geschädigt werden können, können später Taubheitsgefühle und Kribbeln hinzukommen.
Raynaud-Syndrom: Kalte Finger und Zehen
Das Raynaud-Syndrom führt zu anfallsartigen Durchblutungsstörungen, meist in den Händen und seltener in den Füßen, ausgelöst durch Kälte oder Stress. Die betroffenen Finger oder Zehen werden typischerweise kalt, blass, bläulich oder rot und fühlen sich taub an oder schmerzen. Die Beschwerden treten in der Regel beidseitig auf und klingen durch Anwärmen rasch wieder ab.
Psychische Ursachen: Wenn die Psyche den Körper beeinflusst
Manchmal haben Missempfindungen keine eindeutig körperliche Ursache, sondern sind Ausdruck psychischer Belastung oder Störungen.
Angst- und Panikattacken: Körperliche Reaktionen auf Stress
Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle, oft im Bereich der Hände, Füße oder des Gesichts, können begleitend zu Panikattacken oder generalisierten Angstzuständen auftreten. Sie sind eine körperliche Reaktion auf extreme Stresssituationen.
Hyperventilationssyndrom: Überatmen mit Folgen
In Stresssituationen oder während einer Panikattacke kann es zu hektischem Ein- und Ausatmen (Hyperventilation) kommen. Dadurch wird zu viel Kohlendioxid ausgeatmet, was den Kohlendioxidspiegel im Blut senkt. Dies führt dazu, dass Nerven und Muskeln kurzfristig übererregt werden, was Gefühlsstörungen und Verkrampfungen, zum Beispiel an Händen und Lippen, zur Folge haben kann. Bewusst langsames Ein- und Ausatmen kann hier helfen, die Symptome zu lindern.
Somatoforme Störungen: Körperliche Beschwerden ohne klare Ursache
Mediziner sprechen von somatoformen Störungen, wenn körperliche Beschwerden wie Müdigkeit, Muskelverspannungen, Zungenbrennen oder eben Kribbeln und Taubheitsgefühle vorliegen, für die jedoch keine ausreichende körperliche Ursache gefunden werden kann. Die Beschwerden sind dennoch real und belastend für die Betroffenen.
Medikamente und Umweltgifte: Unerwünschte Nebenwirkungen
Auch die Einnahme bestimmter Medikamente oder der Kontakt mit Umweltgiften kann Kribbeln und Taubheitsgefühle verursachen.
Vergiftungen, zum Beispiel mit Schwermetallen, können chronische Nervenschäden hervorrufen, die zu dauerhaften Missempfindungen führen.
Kribbeln und Taubheitsgefühle treten bisweilen auch als unerwünschte, aber meist vorübergehende Nebenwirkung einiger Medikamente auf. Dazu gehören unter anderem:
- Bestimmte Wirkstoffe gegen bakterielle, virale oder Pilzinfektionen.
- Verschiedene Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken (Immunsuppressiva) oder beeinflussen (Immunmodulatoren).
- Einige Medikamente gegen Krebs (Zytostatika), insbesondere platinhaltige Wirkstoffe.
- Manche Mittel zur Behandlung von Epilepsie, Depressionen und rheumatischen Erkrankungen.
- Verschiedene Mittel gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen.
- Statine, die zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt werden.
- Das Parkinson-Medikament L-Dopa.
Wichtig: Wenn Sie vermuten, dass bestehende Missempfindungen mit der Einnahme eines Medikaments zusammenhängen, sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin. Setzen Sie Medikamente niemals eigenmächtig ab.
Der Weg zur Diagnose: Wie Ärzte vorgehen
Wenn Sie unter anhaltendem oder besorgniserregendem Kribbeln oder Taubheitsgefühl leiden, ist Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt die erste Anlaufstelle. Eine gründliche Diagnostik ist entscheidend, um die genaue Ursache zu ermitteln und eine zielgerichtete Behandlung einzuleiten.
Das persönliche Gespräch (Anamnese)
Der erste und oft wichtigste Schritt ist ein ausführliches Gespräch. Ihr Arzt wird Ihnen gezielte Fragen stellen, um ein umfassendes Bild Ihrer Beschwerden zu erhalten. Dabei geht es vor allem darum zu klären:
- An welcher Stelle und in welcher Situation die Missempfindungen auftreten (z.B. nur nachts, bei bestimmten Bewegungen, in Ruhe).
- Wie genau sich die Missempfindungen anfühlen (Kribbeln, Stechen, Brennen, Taubheit, Kältegefühl etc.).
- Ob es weitere Beschwerden gibt, wie Schmerzen, Zittern (Tremor), Krämpfe, Probleme beim Gehen und Stehen oder Lähmungserscheinungen.
- Ob und welche Medikamente Sie regelmäßig einnehmen.
- Ob Sie kürzlich einen Unfall hatten oder sich verletzt haben.
- Ihre Krankengeschichte, Vorerkrankungen (z.B. Diabetes) und familiäre Belastungen.
Die körperliche Untersuchung
Nach dem Gespräch folgt eine gründliche körperliche Untersuchung, bei der die Ärztin oder der Arzt verschiedene Tests durchführt, um die Funktion der Nerven zu überprüfen:
- Sensibilitätstests: Es wird geprüft, wie empfindlich Ihre Haut auf Kälte, Wärme, Schmerz, Druck und Berührung reagiert.
- Vibrationsempfinden: Mit einem Stimmgabeltest wird geprüft, wie gut Sie Schwingungen (Vibrationen) wahrnehmen können, was Hinweise auf Schäden an den größeren Nervenfasern geben kann.
- Reflexe: Die Funktion der Reflexe (z.B. Patellarsehnenreflex) gibt Aufschluss über die Integrität der Nervenbahnen.
- Muskelkraft: Die Muskelkraft wird geprüft, um eventuelle Lähmungserscheinungen oder Schwächen zu erkennen.
- Gangbild: Das Gangbild wird beobachtet, um mögliche Gleichgewichtsprobleme oder eine Gangunsicherheit festzustellen.
Blut-Tests
Blutuntersuchungen können weitere wichtige Hinweise auf die Ursache der Missempfindungen liefern. Gemessen werden zum Beispiel:
- Der Blutzuckerspiegel, um einen Diabetes auszuschließen oder zu bestätigen.
- Die Menge bestimmter Vitamine (z.B. Vitamin B12) und Mineralstoffe.
- Entzündungswerte, die auf Infektionen oder Autoimmunerkrankungen hinweisen können.
- Schilddrüsenhormone oder Nierenwerte, da Störungen dieser Organe ebenfalls Nervenprobleme verursachen können.
Weiterführende Untersuchungen und Spezialisten
Je nach Verdachtsdiagnose kann es notwendig sein, weitere spezialisierte Untersuchungen durchzuführen. Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt wird Sie dann gegebenenfalls überweisen an:
- Eine fachärztliche Praxis für Innere Medizin (z.B. bei Verdacht auf Stoffwechselerkrankungen).
- Eine Fachärztin oder einen Facharzt für Nervenheilkunde (Neurologie) für spezifische Nervenuntersuchungen wie Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) oder Elektromyographie (EMG), die die Funktion der Nerven und Muskeln messen.
- Spezialisten und Spezialistinnen für Erkrankungen des Bewegungsapparats (Orthopädie) bei Verdacht auf Bandscheibenvorfall oder Nervenkompressionen.
- Eine Hautärztin oder einen Hautarzt bei Hautveränderungen oder Verdacht auf bestimmte Infektionen.
- In einigen Fällen können auch bildgebende Verfahren wie MRT (Magnetresonanztomographie) des Gehirns oder der Wirbelsäule notwendig sein, um strukturelle Probleme wie Tumore oder Bandscheibenvorfälle sichtbar zu machen.
Behandlung von Kribbeln und Taubheitsgefühlen
Die Behandlung von Kribbeln und Taubheitsgefühlen richtet sich immer nach der zugrunde liegenden Ursache. Es gibt keine „Einheitslösung“, da die Missempfindungen lediglich ein Symptom sind.
- Bei harmlosen „eingeschlafenen“ Gliedmaßen genügt oft eine Positionsänderung oder eine leichte Massage, um die Durchblutung anzuregen und die Nerven zu reaktivieren.
- Bei einem Vitamin-B12-Mangel wird dieser durch Nahrungsergänzungsmittel oder Injektionen ausgeglichen.
- Bei Diabetes ist eine gute Blutzuckereinstellung entscheidend, um Nervenschäden vorzubeugen oder zu verlangsamen.
- Bei Nervenkompressionen wie dem Karpaltunnelsyndrom können Physiotherapie, Schienen oder in manchen Fällen ein operativer Eingriff Linderung verschaffen.
- Bei Durchblutungsstörungen wie der PAVK stehen Maßnahmen zur Verbesserung der Gefäßgesundheit und gegebenenfalls medikamentöse oder interventionelle Therapien im Vordergrund.
- Bei psychischen Ursachen kann eine psychotherapeutische Behandlung oder Stressmanagement helfen, die Symptome zu lindern.
- Im Falle eines Schlaganfalls ist eine sofortige Notfallbehandlung im Krankenhaus unerlässlich.
Es ist wichtig, dass Sie die ärztliche Diagnose abwarten und die empfohlene Therapie konsequent verfolgen. Eine frühzeitige und zielgerichtete Behandlung kann oft die Symptome lindern und das Fortschreiten einer zugrunde liegenden Erkrankung verhindern.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist Kribbeln immer harmlos?
Nein, Kribbeln ist nicht immer harmlos. Während „eingeschlafene“ Gliedmaßen unbedenklich sind, können anhaltendes, häufiges oder mit weiteren Symptomen verbundenes Kribbeln auf ernsthafte Probleme wie Nervenschäden, Durchblutungsstörungen oder andere Erkrankungen hinweisen. Bei Unsicherheit oder zusätzlichen Beschwerden sollten Sie immer einen Arzt aufsuchen.
Kann Stress Kribbeln verursachen?
Ja, Stress und psychische Belastungen können Kribbeln und Taubheitsgefühle verursachen. Dies ist häufig bei Angst- und Panikattacken oder dem Hyperventilationssyndrom der Fall, wo die körperliche Reaktion auf Stress zu Missempfindungen führen kann.
Welche Vitamine helfen bei Kribbeln?
Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, insbesondere Vitamin B12, kann Nervenschäden und somit Kribbeln verursachen. Eine Supplementierung mit Vitamin B12 kann dann helfen, die Symptome zu lindern. Es ist jedoch wichtig, einen Mangel ärztlich diagnostizieren zu lassen und keine Selbstmedikation durchzuführen, da ein Überschuss an Vitaminen ebenfalls gesundheitsschädlich sein kann.
Wie unterscheidet man „Einschlafen“ von einer ernsthaften Ursache?
Der Hauptunterschied liegt in der Dauer, dem Auslöser und den Begleitsymptomen. Harmloses „Einschlafen“ ist kurzzeitig, tritt nach ungünstiger Lagerung auf und verschwindet schnell durch Bewegung. Ernsthafte Ursachen führen zu anhaltenden, häufig wiederkehrenden oder plötzlich auftretenden Missempfindungen, die sich nicht durch Bewegung bessern und oft von Schmerzen, Lähmungen, Seh- oder Sprachstörungen begleitet werden. Im Zweifelsfall ist immer eine ärztliche Abklärung ratsam.
Was tun bei plötzlich auftretenden starken Taubheitsgefühlen?
Wenn Taubheitsgefühle plötzlich und stark auftreten, insbesondere wenn sie nur eine Körperseite betreffen und mit Symptomen wie Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen einhergehen, könnte dies ein Hinweis auf einen Schlaganfall sein. In diesem Fall sollten Sie sofort den Notruf unter der 112 wählen und keine Zeit verlieren.
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