Kann man mit MS in die Sauna gehen?

MS & Sauna: Hitze sicher meistern?

01/08/2022

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Die Frage, ob Menschen mit Multipler Sklerose (MS) eine Sauna besuchen können, ist komplex und von großer Bedeutung, da extreme Hitze bekanntermaßen die Symptome dieser chronisch-entzündlichen Nervenerkrankung vorübergehend verschärfen kann. Dieses Phänomen, bekannt als das Uhthoff-Phänomen oder Uhthoff-Syndrom, betrifft einen Großteil der MS-Patienten und macht den Umgang mit hohen Temperaturen zu einer zentralen Herausforderung im Alltag. Während für viele ein Saunabesuch Entspannung und Wohlbefinden bedeutet, kann er für Menschen mit MS das Gegenteil bewirken. Es ist entscheidend zu verstehen, was hinter dieser Hitzeempfindlichkeit steckt und welche Maßnahmen Betroffene ergreifen können, um die Auswirkungen zu minimieren und ihren Alltag angenehmer zu gestalten, besonders in Zeiten steigender globaler Temperaturen.

Kann man mit MS in die Sauna gehen?
Ein hartnäckiger Mythos ist es übrigens, dass Menschen mit Multipler Sklerose aufgrund ihrer Hitzeempfindlichkeit nicht in die Sauna gehen dürfen. Als allgemeiner Grundsatz sei dies jedoch nicht richtig, so Ziemssen. Viele MS-Betroffene profitieren sogar von einem Saunabesuch.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch in unseren Breitengraden spürbar: Tage mit Temperaturen von 30 Grad Celsius und mehr werden immer häufiger. Was für viele Menschen einen perfekten Sommerurlaub verspricht, stellt für 60 bis 80 Prozent der Menschen mit MS eine erhebliche Belastung dar. Bei ihnen lösen diese hohen Temperaturen das Uhthoff-Phänomen aus, eine vorübergehende Verschlechterung der MS-Symptome. Das Multiple Sklerose Zentrum Dresden, das zum Zentrum für Klinische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus gehört, weist explizit darauf hin. Viele MS-Betroffene fühlen sich bei Hitze schlapp, ungewöhnlich müde und benommen. Auch bekannte Symptome wie Fatigue, Seh- und Sensibilitätsstörungen oder motorische Einschränkungen können sich verstärken. In extremen Fällen berichten Patienten sogar von Lähmungen und Spastiken, die sie plötzlich am Gehen hindern. Es ist jedoch von größter Wichtigkeit zu wissen, dass diese Verschlechterung der Symptome reversibel ist; sie bildet sich in einer kühleren Umgebung wieder zurück.

Inhaltsverzeichnis

Das Uhthoff-Phänomen: Ein „Pseudoschub“ erklärt

Der Kern der Beschwerden liegt in den Folgen der entzündlichen Nervenerkrankung im Gehirn und Rückenmark. Professor Tjalf Ziemssen, Leiter des Zentrums für klinische Neurowissenschaften und des Multiple Sklerose Zentrums am Uniklinikum Dresden, erklärt, dass sich nach dem Abheilen der Entzündungsherde Narben im Bereich der Nervenfasern bilden. Diese Narben beeinträchtigen bei einer Erhöhung der Körpertemperatur die Weiterleitung von Informationen entlang der Nervenfasern. Dies führt dazu, dass sich bereits vorhandene Beschwerden wieder verstärken oder neue Symptome vorübergehend auftreten können. Die Nervenleitung ist bei MS-Patienten durch die Demyelinisierung (den Verlust der Myelinscheide, die die Nerven isoliert) bereits gestört. Hitze verlangsamt diese gestörte Leitung zusätzlich, ähnlich einem überlasteten Stromkabel, das bei Überhitzung seine Effizienz verliert.

Professor Ziemssen betont, dass es sich hierbei nicht um einen echten Krankheitsschub handelt. Hitze allein löst keinen Schub aus. Vielmehr spricht man von einem sogenannten „Pseudoschub“, der eben als Uhthoff-Phänomen bekannt ist. Benannt wurde es nach dem deutschen Augenarzt Wilhelm Uhthoff, der das Phänomen erstmals Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb, als er bei seinen Patienten eine vorübergehende Abnahme der Sehschärfe nach körperlicher Anstrengung – und somit einem Anstieg der Körpertemperatur – beobachtete. Ob Fieber, intensive körperliche Aktivität oder eine hohe Umgebungstemperatur: Steigt die Körperkerntemperatur, verstärken sich die Beschwerden. Dies ist ein entscheidender Unterschied zu einem echten Schub, der durch neue Entzündungen im Zentralnervensystem gekennzeichnet ist und in der Regel länger anhält.

Erfahrungen aus der Community: Wenn Hitze zur Qual wird

Die persönlichen Erfahrungen von Menschen mit MS unterstreichen die Schwere der Auswirkungen von Hitze. Kerstin, eine MS-Betroffene, beschreibt die drastischen Folgen: „Hitze wirkt auf meinen Körper und Symptome wie Fatigue, Sehstörungen, Gangstörung und kognitive Probleme sehr extrem. Ich fühle mich wie lahmgelegt.“ Diese Aussage verdeutlicht, wie umfassend die Beeinträchtigungen sein können, die von körperlicher Erschöpfung bis hin zu mentaler Trägheit reichen.

Kevin, der bis zu einem bestimmten Zeitpunkt vom Uhthoff-Phänomen weitgehend verschont geblieben war, erlebte seinen Sommerurlaub als eine unerwartete Herausforderung: „Es fiel mir täglich schwerer, die Wärme und Luftfeuchtigkeit zu ertragen. Selten konnte ich länger als zwei Stunden draußen sein und wechselte regelmäßig meinen Standort in einen klimatisierten Raum. Trotz Erholung und Nichtstun war ich müde, kraftlos und unkonzentriert.“ Solche Berichte zeigen, dass selbst alltägliche Aktivitäten oder Urlaubsreisen durch die Hitzeempfindlichkeit erheblich eingeschränkt werden können und eine sorgfältige Planung erfordern, um das Wohlbefinden zu erhalten.

Abkühlung als Schlüssel: Symptome lindern und vorbeugen

Die gute Nachricht ist, dass sich die durch das Uhthoff-Phänomen entstandenen Symptome in einer kühleren Umgebung in der Regel wieder zurückbilden – oft sofort, spätestens aber nach 24 Stunden. Dies macht präventive Maßnahmen und schnelle Reaktionen auf Hitze umso wichtiger. Temperaturempfindliche Menschen mit MS können dem Uhthoff-Phänomen mit verschiedenen Strategien selbst vorbeugen und akute Beschwerden lindern:

  • Vermeidung von Anstrengung: Größere körperliche Anstrengung sollte bei hohen Temperaturen unbedingt vermieden werden. Wenn körperliche Aktivitäten unumgänglich sind, verlegen Sie diese auf die kühlen Morgen- oder Abendstunden.
  • Kühle Umgebung schaffen: Meiden Sie die pralle Sonne. Suchen Sie klimatisierte Räume auf, halten Sie sich im Schatten auf oder sorgen Sie für kräftiges Durchlüften Ihrer Wohnräume. An heißen Tagen ist es ratsam, tagsüber die Fenster geschlossen zu halten und die Räume mit Vorhängen oder Rollos zu verdunkeln, um die Hitze draußen zu halten.
  • Ausreichende Hydration: Achten Sie darauf, ausreichend zu trinken, um einem Flüssigkeitsverlust vorzubeugen. Dehydration würde die Symptome zusätzlich verschlimmern und den Körper noch anfälliger für die Auswirkungen der Hitze machen. Das ideale Getränk ist Wasser, aber auch ungesüßte Tees oder verdünnte Fruchtsäfte sind gute Optionen.

Spezielle Hilfsmittel: Kühlkleidung als Therapieoption

Der ärztliche Beirat der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft (DMSG) hebt die Effektivität von Kühlkleidung als wichtiges Hilfsmittel hervor. Kühlkleidung ist leicht anzuwenden, birgt keine Nebenwirkungen und ist relativ kostengünstig. Produkte wie Kühlwesten, Stirnbänder, Nackentücher, Kühlhauben oder Kühlstrümpfe stellen eine wesentliche Therapieoption dar, die sowohl vorsorglich bei zu erwartender Hitze oder Anstrengung als auch zur akuten Linderung eingesetzt werden kann. Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit dieser Hilfsmittel: Vorsorgliches Kühlen konnte in einer Studie einer Verschlechterung von Symptomen vorbeugen.

Beim Tragen von Kühlkleidung verbessern sich zudem die Fähigkeiten der Betroffenen, was sich beispielsweise an einer erhöhten Gehgeschwindigkeit und Ausdauer messen lässt. Auch die subjektive Wahrnehmung von Fatigue wird als schwächer empfunden, während das Gefühl von Unabhängigkeit im Alltag gestärkt wird. Dies zeigt, dass Kühlkleidung nicht nur physiologisch wirkt, sondern auch einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität hat.

Praktische Tipps aus der trotz ms Community

Die „trotz ms Community“ teilt wertvolle Alltagstipps, die Betroffenen helfen, besser mit dem Uhthoff-Effekt umzugehen:

  • Kryo-Fußbad: Ein einfacher, aber effektiver Tipp ist ein Kryo-Fußbad. Füllen Sie einen Eimer mit Wasser und Eiswürfeln und gönnen Sie sich darin ein kühlendes Fußbad. Dieser Tipp funktioniert auch hervorragend am Strand oder wenn Sie mit Freunden auf dem Balkon sitzen möchten und schnelle Abkühlung benötigen. Ann-Kathrin, selbst MS-Betroffene, weiß: „An heißen Sommertagen hilft mir nur ein kühler, schattiger Ort, um den Tag zu überstehen, oder man kühlt seinen Körper mit Hilfsmitteln herunter.“
  • Kühlhandtücher: Ursprünglich für den Sport entwickelt, sind Kühlhandtücher dünn und platzsparend, ideal zum Mitnehmen. Sie helfen Ann-Kathrin im Alltag und durch heiße Sommer. Um sie zu aktivieren, einfach ein feuchtes Kühlhandtuch kräftig schütteln – dadurch wird es angenehm kühl. Man kann es um die Stirn binden, auf die Beine legen oder um die Unterarme wickeln, um sofortige Kühlung zu verspüren.
  • Kühlkappe / Kühlhaube: Für Bloggerin Kerstin ist eine Kühlkappe oder Kühlhaube im Sommer unverzichtbar. Sie wird kurz in kaltes Wasser getaucht, ausgedrückt und hält den Kopf rund zwei Stunden kühl – ein perfekter Begleiter für Strand und heiße Tage. Kerstin nutzt zusätzlich eine Kühlweste, die den Oberkörper ebenfalls für etwa zwei Stunden kühlt. Ihre Erfahrung: „Damit bin ich aktiver und auch wacher.“ Auch Kühlstrümpfe können zur allgemeinen Körperkühlung beitragen.
  • Wassereis: Kevin empfiehlt: „Gönn Dir das ein oder andere Wassereis. Bei starker Fatigue oder weiteren Symptomen ist es ein Tropfen auf den heißen Stein – aber einer, der die Laune etwas anhebt.“ Obwohl es keine umfassende Lösung ist, kann eine kleine Erfrischung die Stimmung aufhellen und einen Moment der Linderung verschaffen.

Vergleich: Vorbeugung vs. Akuthilfe bei Hitze

StrategieVorbeugung (Prävention)Akuthilfe (Linderung)
UmgebungRäume tagsüber abdunkeln, Fenster geschlossen halten, Klimaanlage nutzen.Schatten aufsuchen, in klimatisierte Räume wechseln, kühle Dusche/Bad nehmen.
Körperliche AktivitätAnstrengung bei Hitze vermeiden, Aktivitäten auf kühle Tageszeiten verlegen.Bei Symptomen sofortige Ruhepause und Abkühlung suchen.
HydrationRegelmäßig und ausreichend Wasser trinken, bevor Durst entsteht.Große Mengen kühles Wasser trinken, Elektrolytgetränke bei Bedarf.
KühlkleidungKühlweste, Kühlkappe vor dem Aufenthalt in der Hitze anlegen.Kühlhandtücher, feuchte Tücher auf Stirn/Nacken, Kryo-Fußbad.
SonstigesLeichte, atmungsaktive Kleidung tragen.Wassereis, kühle Kompressen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Thema MS und Hitze

Kann ich als MS-Betroffener in die Sauna gehen?

Aufgrund des Uhthoff-Phänomens, bei dem hohe Temperaturen die MS-Symptome vorübergehend verstärken können, ist der Besuch einer Sauna für viele MS-Patienten nicht ratsam oder sollte nur mit äußerster Vorsicht und nach individueller Rücksprache mit dem behandelnden Neurologen erfolgen. Die hohe Wärme in der Sauna führt zu einem Anstieg der Körperkerntemperatur, was die Nervenleitfähigkeit beeinträchtigen und zu einer deutlichen, wenn auch vorübergehenden, Verschlechterung der Symptome führen kann. Symptome wie Fatigue, Sehstörungen oder motorische Einschränkungen können sich hierbei massiv verstärken. Es ist ratsamer, kühlere Alternativen zur Entspannung zu suchen, wie zum Beispiel ein kühles Bad oder ein Fußbad.

Was ist der Unterschied zwischen einem „Pseudoschub“ und einem echten MS-Schub?

Ein „Pseudoschub“, wie das Uhthoff-Phänomen, ist eine vorübergehende Verschlechterung bereits bestehender MS-Symptome, die durch äußere Faktoren wie Hitze oder Fieber ausgelöst wird. Er ist reversibel und verschwindet, sobald die Körpertemperatur wieder normalisiert ist. Es findet keine neue Entzündungsaktivität oder Demyelinisierung im Gehirn oder Rückenmark statt. Ein echter MS-Schub hingegen ist gekennzeichnet durch neue oder sich verschlimmernde Symptome, die auf frische Entzündungsherde und Schädigungen der Myelinscheide zurückzuführen sind. Diese dauern in der Regel länger an (mindestens 24 Stunden) und können eine spezifische Behandlung (z.B. Kortisontherapie) erfordern.

Welche Symptome können sich bei Hitze besonders verschlimmern?

Bei Hitze können sich eine Vielzahl von MS-Symptomen verstärken. Dazu gehören insbesondere: Fatigue (extreme Müdigkeit und Erschöpfung), Seh- und Sensibilitätsstörungen (wie Sehunschärfe, Doppelbilder, Taubheitsgefühle oder Kribbeln), motorische Einschränkungen (Gangunsicherheit, Schwäche in den Gliedmaßen), Gleichgewichtsstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme sowie Spastiken. Die Ausprägung und Art der Symptome ist jedoch individuell sehr verschieden.

Gibt es Sportarten, die bei Hitze für MS-Patienten besonders ungünstig sind?

Generell sind alle Sportarten, die zu einem starken Anstieg der Körperkerntemperatur führen, bei Hitze für MS-Patienten ungünstig. Dazu gehören intensive Ausdauersportarten im Freien während der Mittagshitze oder Sport in schlecht belüfteten, warmen Räumen. Es ist ratsamer, sportliche Aktivitäten auf die frühen Morgen- oder späten Abendstunden zu verlegen, in klimatisierten Fitnessstudios zu trainieren oder Sportarten im Wasser wie Schwimmen zu bevorzugen, da das Wasser den Körper kühlt und die Überhitzung reduziert. Wichtig ist immer, auf den eigenen Körper zu hören und bei den ersten Anzeichen einer Überhitzung eine Pause einzulegen.

Was sollte ich auf Reisen in warme Länder beachten?

Planen Sie Reisen in warme Länder sorgfältig. Bevorzugen Sie Reisezeiten außerhalb der heißesten Monate. Achten Sie bei der Hotelwahl auf klimatisierte Zimmer. Nehmen Sie ausreichend Kühlkleidung und Hilfsmittel mit. Sorgen Sie für eine konstante Hydration und planen Sie regelmäßige Pausen im Schatten oder in klimatisierten Räumen ein. Informieren Sie Ihre Reisebegleitung über Ihre Hitzeempfindlichkeit und die Symptome des Uhthoff-Phänomens, damit diese im Notfall Bescheid wissen und unterstützen können. Eine vorherige Rücksprache mit Ihrem Arzt ist ebenfalls empfehlenswert.

Der Umgang mit Hitze ist für Menschen mit Multipler Sklerose eine ständige Herausforderung, die jedoch mit dem richtigen Wissen und den passenden Strategien gut gemeistert werden kann. Das Verständnis des Uhthoff-Phänomens und die konsequente Anwendung von Kühlungsmaßnahmen sind entscheidend, um die Lebensqualität zu erhalten und die Symptome zu kontrollieren. Hören Sie auf Ihren Körper, planen Sie vorausschauend und scheuen Sie sich nicht, die vielfältigen Hilfsangebote und Erfahrungen der MS-Community zu nutzen. Bleiben Sie kühl und wohlauf!

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