Wie wirkt sich Aromapflege auf die Gesundheit aus?

Aromatherapie: Wissenschaft & Wohlbefinden

11/11/2023

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Die Welt der Düfte hat seit jeher eine besondere Anziehungskraft auf den Menschen ausgeübt. Doch jenseits des reinen Wohlgeruchs bergen ätherische Öle eine erstaunliche Kraft, die weit über das Angenehme hinausgeht. Die Aromatherapie, eine Disziplin, die sich der gezielten Anwendung dieser kostbaren Pflanzenessenzen widmet, erlebt nicht nur eine Renaissance im privaten Bereich, sondern etabliert sich zunehmend als wertvoller Bestandteil in der modernen Gesundheitsversorgung und Pflege. Doch was steckt wirklich hinter dieser alten Kunst, die heute mehr denn je auf wissenschaftliche Fundamente baut?

Inhaltsverzeichnis

Die Ursprünge der Aromatherapie: Ein französisches Erbe

Die gezielte Anwendung von Pflanzenextrakten zu Heilzwecken ist so alt wie die Menschheit selbst. Doch der Begriff „Aromatherapie“ ist vergleichsweise jung und eng mit einem visionären Kopf des frühen 20. Jahrhunderts verbunden: dem französischen Chemiker René Maurice Gattefossé. Er prägte diesen Begriff, nachdem er die pharmazeutisch-medizinischen Eigenschaften ätherischer Öle intensiv erforscht hatte. Seine Entdeckungen legten den Grundstein für eine wissenschaftlich fundierte Herangehensweise an die Pflanzenheilkunde. Anfänglich wurde dieser Zweig der Phytotherapie in Frankreich ausschließlich von Ärztinnen und Ärzten angewendet, was die frühe Anerkennung und den medizinischen Anspruch der Disziplin unterstreicht.

Wer hat die Aromatherapie erfunden?
Neuzeit „Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte der französische Chemiker René Maurice Gattefossé den Begriff der Aromatherapie aufgrund seiner Erforschung der pharmazeutisch–medizinischen Eigenschaften der ätherischen Öle. In Frankreich verwendeten anfangs nur Ärztinnen und Ärzte diesen Zweig der Phytotherapie.

Aromapflege im klinischen Kontext: Zwischen Wirkung und Vorsicht

Die Aromapflege gewinnt in der klinischen Praxis, insbesondere in Ländern wie Österreich, zunehmend an Beliebtheit und wird in vielen Krankenhauseinrichtungen angeboten. Diese Entwicklung unterstreicht die wachsende Bedeutung, fundiertes Wissen über die Wirksamkeit ätherischer Öle in der klinischen Pflegepraxis zu erlangen. Eine systematische Literaturrecherche hat gezeigt, dass die Wirksamkeit der Aromatherapie in spezifischen Untergruppen demonstriert werden konnte. Beispielsweise führte sie bei Patienten mit schwerer Demenz zu einer Verringerung der Agitation und nach einem Schlaganfall zur Linderung von Schulterschmerzen. Es ist jedoch von entscheidender Bedeutung zu wissen, dass neben den positiven Effekten auch Nebenwirkungen wie Durchfall oder Unverträglichkeitsreaktionen auftreten können. Daher müssen bei der professionellen Entscheidung für oder gegen die Aromatherapie stets die individuellen Bedürfnisse der Patienten und ihrer Mitbewohner sowie die notwendigen Ressourcen berücksichtigt werden.

Die wissenschaftliche Basis: Mythen und Fakten über ätherische Öle

Oftmals kursiert das Missverständnis, es gäbe kaum wissenschaftlich belegte Studien zur Wirkweise ätherischer Öle. Das Gegenteil ist der Fall! Die Forschung in diesem Bereich ist seit Jahrzehnten aktiv und liefert eine beeindruckende Fülle an hochwertigen Daten. Das Wort „Aromatherapie“ wird leider auch oft missbraucht, sei es von der Kosmetikindustrie, die den Begriff für reine Duftprodukte nutzt, oder von sensationslüsternen Medien, die unrealistische Wunderwirkungen versprechen. Solche Berichte können nicht nur irreführend sein, sondern auch zu gefährlichen Anwendungen führen, wie die Empfehlung von zehn Tropfen Eukalyptus bei einer Inhalation, die zu schweren Reizungen der Atemwege führen kann, oder 20 Tropfen Pfefferminzöl in einem heißen Bad, was Schüttelfrost auslösen würde.

Tatsächlich liegen längst zahlreiche und qualitativ gute Studien über die Wirkungszusammenhänge von ätherischen Ölen auf den menschlichen Organismus vor. Viele davon sind in englischer Sprache publiziert, was die Zugänglichkeit im deutschsprachigen Raum manchmal erschwert. Datenbanken wie Pubmed verzeichneten bereits Ende März 2006 genau 266 neuere Einträge zum Stichwort „essential oils“, und in der deutsch-englischsprachigen Datenbank Thieme-connect waren es immerhin 70 Treffer. Die Fachzeitschrift zur Aromatherapie „International Journal of Aromatherapy“ ermöglicht die Lektüre von mehr als 500 wissenschaftlichen Studien zur Wirkweise von ätherischen Ölen, die in der internationalen Fachpresse veröffentlicht wurden. Dies belegt, dass in internationalen Laboren und Kliniken seit Ende des 19. Jahrhunderts intensiv mit ätherischen Ölen geforscht wird. Schon 1887-89 bewiesen Chamberland, Cadéac und Meunier in Frankreich, dass ätherisches Thymian-Öl Bakterien wie Kolibakterien, Staphylokokken, Meningokokken und sogar das Koch-Virus zerstören kann. In Frankreich liegt aufgrund der frühen Forschungsergebnisse quasi die Wiege der klinisch orientierten Aromatherapie, hier haben sich in den späten 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts ausschließlich Ärzte mit der Thematik befasst. Und somit ist die Anwendung von ätherischen Ölen in der Behandlung von kranken Menschen, also die AromaTHERAPIE im engen Sinne, auch heute in Frankreich noch ein Privileg der eigens darin geschulten Ärzte.

Wie viele wissenschaftliche Studien gibt es zur Wirkweise von ätherischen Ölen?
Die Fachzeitschrift zur Aromatherapie „International Journal of Aromatherapy” (englischsprachig; www.essentialorc.com) ermöglicht die Lektüre von mehr als 500 wissenschaftlichen Studien zur Wirkweise von ätherischen Ölen, die in der internationalen Fachpresse veröffentlicht wurden.

Wichtige Forschungsergebnisse und Anwendungsbeispiele

Die Forschung zeigt vielfältige Anwendungsmöglichkeiten und Wirkweisen auf:

  • Antibakterielle und antivirale Wirkung: In-vitro-Tests belegen, dass viele Öle, insbesondere solche mit hohem Phenolanteil, sehr effektiv gegen diverse Bakterienstämme eingesetzt werden können. Selbst gegen die moderne Krankenhausplage MRSA stehen einige ätherische Öle zur Verfügung, die das Problem der Resistenzen reduzieren und Antibiotikaeinnahmen oder Amputationen ersparen könnten. Öle der Myrtenfamilie zeigen erstaunliche Effekte zur Verkürzung von Herpes simplex-Episoden.
  • Kopfschmerzen: Prof. Dr. Hartmut Göbel von der Universität Kiel verglich 1 g Paracetamol und ASS mit 10-prozentig verdünntem Pfefferminzöl bei Spannungskopfschmerzen und kam zu dem Ergebnis, dass man sich bei dieser mittlerweile fast alltäglichen Beschwerde fast immer genauso gut mit dem Naturmittel helfen kann.
  • Nervensystem und Schlaf: Prof. Dr. Gerhard Buchbauer von der Universität Wien erforschte über 30 Jahre die Wirkung von Riechstoffen auf das Nervensystem. Seine Studien über Lavendelöl (Linalool und Linalylacetat) belegen dessen angstlösende, schlaffördernde und beruhigende Wirkung, was es ideal für gestresste, hypermotorische oder geriatrische Patienten macht.
  • Haut und Infektionen: Prof. Dr. Reinhard Saller vom Universitätsspital Zürich verglich Teebaumöl (Melaleuca alternifolia) mit anderen Myrtengewächsen und fand heraus, dass eine Konzentration von 0,25 % ausreicht, um Staphylococcus aureus, Escherichia coli und andere Bakterien abzutöten.
  • Atemwege: Prof. Dr. Uwe R. Juergens von der Universität Bonn zeigte in einer Vergleichsstudie 1,8-Cineol (Eukalyptol) vs. Kortison, dass Asthmatiker ihre Kortisondosis drastisch reduzieren können, wenn sie Eukalyptol-Kapseln einnehmen.
  • Krebsforschung: Die Einnahme von d-Limonen (ein Monoterpen vor allem aus Zitrusschalen-Ölen) und dessen Metabolit Perillylalkohol zeigte am Tier und mittlerweile auch am Menschen, dass diese Stoffe bestimmte Krebsarten deutlich verlangsamen können, die Überlebensrate erhöhten oder gar das Wachstum der Tumorzellen für einige Zeit zum Stillstand kam, was die Lebensqualität erheblich verbessern kann.
  • Demenz und neurologische Erkrankungen: Ätherische Öle von Salvia officinalis (Salbei) und S. lavandulifolia (Lavendelsalbei) haben in einer In-vitro-Studie einen Anti-Cholinesterase-Effekt gezeigt. Somit ähnelt ihre Wirkung der Wirkweise von modernen Medikamenten, die bei Morbus Alzheimer verschrieben werden.
  • Schmerz und Entzündung: In einer Vergleichsstudie an Mäusen und Ratten zeigte sich eine ähnlich stark schmerzlindernde Wirkung des ätherischen Öles von Laurus nobilis (Lorbeer) wie nach der Verabreichung eines Morphinpräparates. Wegen des zugleich entzündungshemmenden Effektes bestätigt das Autorenteam die traditionelle Verabreichung dieses Öles bei rheumatischen Erkrankungen.

Herausforderungen in der ätherischen Öle-Forschung

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse steht die Forschung an ätherischen Ölen vor einigen Hürden:

Finanzierung und Patentierbarkeit: Das Interesse an teuren klinischen Studien, die von der Industrie finanziert werden, ist nicht besonders groß, denn kaum ein Pharmakonzern steckt seine Millionen in ein Naturprodukt, das sich nicht patentieren lässt, um so nach erfolgreicher Testphase Profite zu erwirtschaften, und das deshalb von der Konkurrenz beliebig kopiert werden kann.

Komplexität der Zusammensetzung: Ätherische Öle bestehen aus 400 und mehr einzeln identifizierbaren Molekülen, deren Zusammensetzung auch noch von Ernte zu Ernte schwanken kann. Das wirft für die standardisierungsfixierte Forschung kaum lösbare Probleme auf, da die moderne Pharmakologie sich auf Einzelsubstanzen und deren Wirkweise auf den Körper konzentriert.

„Naturidentisch“ vs. Natur: Oft werden aus Kostengründen und der Einfachheit halber synthetische Einzelstoffe eingesetzt, die das Prädikat „naturidentisch“ genießen. Doch Chemiker wissen, dass die in synthetischen Ölbestandteilen vorhandenen chlorierten Trägersubstanzen das Verhalten des Moleküls im menschlichen Körper verändern können. Wissenschaftler beginnen einzuräumen, dass ein komplex aufgebautes ätherisches Öl mehr ist als die Summe seiner extrahierten Einzelstoffe.

Doppelblindstudien: Man kann mit ätherischen Ölen nur sehr schwer Doppelblindstudien machen, da ätherische Öle Gerüche aussenden und man keine „nichtriechenden Düfte“ als Kontrollmedium zur Verfügung hat. Doch selbst für diese vermeintliche Hürde haben findige Wissenschaftler inzwischen Lösungen ausgetüftelt, indem sie beispielsweise durch Nasenklammern oder Masken die Geruchs-Dimension ausblenden.

Was muss ich bei der Aromapflege beachten?
Um eine professionelle pflegerische Entscheidung für oder gegen Aromapflege treffen zu können, sind neben der aufgezeigten externen Evidenz, die individuellen Bedürfnisse der Patienten und von deren Zimmerkollegen sowie die erforderlichen Ressourcen zu berücksichtigen.

Standardisierung und Chemotypen: Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien zum Öl von ein und derselben Pflanze unterscheiden sich zudem manchmal voneinander, da sich in den Apotheken der diversen Institute und Kliniken bislang nicht immer standardisierte ätherische Öle nach der jeweiligen Pharmakopöe befinden. Manchmal ist auch nicht bekannt, dass unterschiedliche Pflanzenteile einer Pflanze, unterschiedliche Erntezeitpunkte, unterschiedliche Herstellungsverfahren oder geographisch weit voneinander entfernte Anbau- und Erntegebiete erhebliche Variationen in der chemischen Zusammensetzung des jeweiligen Öles bewirken können. Bei Lavandula angustifolia (Lavendel), Thymus vulgaris (Thymian), Melissa officinalis (Melisse), Ocimum basilicum (Basilikum) und Rosmarinus officinalis (Rosmarin) kommen zudem jeweils einige stark voneinander abweichende Chemotypen (chemische Rassen) vor. Es gibt Öle von mindestens sieben unterschiedlichen Eukalyptus-Arten im Handel, die teilweise keinerlei Gemeinsamkeiten in ihrem chemischen Profil aufweisen. Dies erfordert eine präzise botanische und chemische Identifikation, um Verwechslungen und Fehlinterpretationen zu vermeiden.

Vorurteile in der Schulmedizin: Wissenschaftler und Ärzte, die sich mit Phytotherapie beschäftigen, finden sich noch immer allzu oft der Kritik von monokausal argumentierenden oder streng schulmedizinisch ausgerichteten Kollegen ausgesetzt. Obwohl Studien wissenschaftlichen Kriterien standhalten und regelmäßig in seriösen Fachzeitschriften veröffentlicht werden, sind Vorurteile gegenüber jeder Form von Naturmedizin immer noch weit verbreitet.

Häufig gestellte Fragen zur Aromatherapie

Wer hat den Begriff „Aromatherapie“ geprägt?
Der französische Chemiker René Maurice Gattefossé prägte den Begriff zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgrund seiner Forschung an ätherischen Ölen.
Wird Aromatherapie auch in Krankenhäusern angewendet?
Ja, die Aromapflege gewinnt in der klinischen Praxis, z.B. in Österreich, zunehmend an Bedeutung und wird in mehreren Krankenhauseinrichtungen angeboten.
Gibt es wissenschaftliche Belege für die Wirkung ätherischer Öle?
Ja, es gibt eine große Anzahl von wissenschaftlichen Studien in guter Qualität, die die Wirkungszusammenhänge ätherischer Öle auf den menschlichen Organismus nachweisen. Viele sind in internationalen medizinischen Datenbanken wie Pubmed zu finden.
Können ätherische Öle Nebenwirkungen haben?
Ja, obwohl sie natürlich sind, können ätherische Öle bei unsachgemäßer Anwendung Nebenwirkungen wie Reizungen, Durchfall oder Unverträglichkeitsreaktionen hervorrufen. Eine fachkundige Anwendung ist daher unerlässlich.
Warum ist die Forschung an ätherischen Ölen so komplex?
Die Komplexität ergibt sich aus der Vielzahl der in einem Öl enthaltenen Moleküle (oft Hunderte), deren Zusammensetzung variieren kann, sowie der Schwierigkeit, Doppelblindstudien mit duftenden Substanzen durchzuführen. Auch die fehlende Patentierbarkeit bremst oft das Interesse großer Pharmaunternehmen.

Die Zukunft der Aromatherapie: Anerkennung und Potenzial

Trotz der genannten Herausforderungen befindet sich die Aromatherapie in Deutschland und international auf dem richtigen Weg. Sie etabliert sich zunehmend als integraler Bestandteil der Komplementärmedizin und wird als rationaler Bestandteil der Phytotherapie anerkannt. Die Nachfrage nach umfassender Qualifikation in Aromatherapie in den Heil- und Pflegeberufen hat stark zugenommen, und viele Krankenhäuser haben die Aromatherapie fest in ihr Pflegekonzept integriert. Auch Apotheken verfügen zunehmend über kompetente Mitarbeiter für den Bereich ätherischer Öle, nicht zuletzt dank der klar nachgewiesenen Beziehungen zwischen Präparat und Wirkung. Die Vielzahl klinischer Studien liefert ein solides, evidenzbasiertes Wissen, das die Aromatherapie zu einer vielversprechenden und sanften Ergänzung der konventionellen Medizin macht, mit dem Potenzial, die Lebensqualität vieler Menschen erheblich zu verbessern.

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