13/07/2023
Die Welt der chronisch-entzündlichen Erkrankungen kann komplex und verwirrend sein, insbesondere wenn die Symptome schleichend beginnen und vielfältig sind. Eine solche Erkrankung ist die Spondyloarthritis (SpA), eine Gruppe rheumatischer Zustände, die primär die Wirbelsäule und die Gelenke betreffen, aber auch andere Körperbereiche beeinflussen können. Das Verständnis der Symptome und die Kenntnis der verschiedenen Formen der SpA sind entscheidend für eine frühzeitige Diagnose und eine effektive Behandlung. Dieser Artikel beleuchtet die Kernaspekte der Spondyloarthritis, von ihren charakteristischen Anzeichen bis hin zu den modernen Diagnosemethoden, die es ermöglichen, die Krankheit früher zu erkennen und ihren Verlauf positiv zu beeinflussen.

Was ist Spondyloarthritis (SpA)?
Spondyloarthritiden (SpA) sind eine Familie von chronisch-entzündlichen rheumatischen Erkrankungen. Ihr Hauptmerkmal ist die Entzündung der Gelenke und der Sehnenansätze, insbesondere im Bereich der Wirbelsäule und des Beckens. Man unterscheidet grundsätzlich zwei Hauptformen, je nachdem, wo sich die Entzündung vorwiegend manifestiert:
- Axiale Spondyloarthritis (axSpA): Diese Form betrifft hauptsächlich das Achsenskelett, also die Wirbelsäule und die Kreuz-Darmbein-Gelenke (Sakroiliakalgelenke). Die bekannteste und am weitesten fortgeschrittene Form der axialen SpA ist die Ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew).
- Periphere Spondyloarthritis (pSpA): Hier stehen Entzündungen an den Gelenken der Extremitäten (Arme und Beine) sowie an den Sehnenansätzen im Vordergrund.
Die Diagnose einer SpA basiert auf dem Vorhandensein spezifischer Symptome, die von einem Arzt bewertet werden. Die frühzeitige Erkennung ist von größter Bedeutung, um irreversible Schäden zu vermeiden und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten.
Die vielfältigen Symptome der Spondyloarthritis
Die Symptome einer Spondyloarthritis können variieren, aber es gibt eine Reihe von charakteristischen Anzeichen, die auf die Erkrankung hindeuten. Das häufigste und oft erste Symptom ist der entzündlicher Rückenschmerz.
Entzündlicher Rückenschmerz: Ein Schlüsselindikator
Anders als der mechanische Rückenschmerz, der sich bei Bewegung verschlimmert und in Ruhe bessert, hat der entzündliche Rückenschmerz typische Merkmale:
- Er beginnt meist schleichend vor dem 40. Lebensjahr.
- Er bessert sich bei Bewegung und verschlimmert sich in Ruhe, insbesondere nachts oder am frühen Morgen.
- Morgensteifigkeit, die länger als 30 Minuten anhält, ist sehr typisch.
- Der Schmerz kann abwechselnd auf beiden Seiten des Gesäßes auftreten (alternierender Gesäßschmerz).
- Er spricht gut auf nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) an; eine Besserung um mindestens 50% innerhalb von 24-48 Stunden nach Einnahme ist ein starkes Indiz.
Diese Kriterien für entzündlichen Rückenschmerz wurden von der "Assessment of SpondyloArthritis international Society" (ASAS) entwickelt und sind ein wichtiger Bestandteil der Diagnose.
Weitere charakteristische SpA-Symptome
Neben dem Rückenschmerz können weitere Symptome auf eine Spondyloarthritis hinweisen:
- Enthesitis: Dies ist eine Entzündung der Sehnen- oder Bandansätze am Knochen. Häufig betroffen sind die Achillessehne (am Fersenbein) oder die Plantarfaszie (an der Fußsohle), was zu Fersenschmerzen führen kann.
- Daktylitis: Auch bekannt als "Wurstfinger" oder "Wurstzehen". Hierbei handelt es sich um eine schmerzhafte Schwellung eines ganzen Fingers oder Zehs, die durch die Entzündung der Sehnen und Gelenke verursacht wird.
- Periphere Arthritis: Entzündungen der Gelenke außerhalb der Wirbelsäule, meist in Form einer Monoarthritis (ein Gelenk betroffen) oder Oligoarthritis (wenige Gelenke betroffen), oft in den großen Gelenken der unteren Extremitäten wie Knie oder Sprunggelenke. Diese sind in der Regel nicht-erosiv im Röntgenbild, können aber bei schwerem Verlauf auch destruierende Veränderungen verursachen, insbesondere in den Hüftgelenken. Eine Hüftgelenksbeteiligung gilt als prognostisch ungünstig.
- Uveitis: Eine Entzündung der mittleren Augenhaut, die zu Rötungen, Schmerzen und Lichtempfindlichkeit führen kann. Sie wird vom Augenarzt diagnostiziert.
- Psoriasis: Eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung (Schuppenflechte), die oft mit SpA assoziiert ist.
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED): Wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, die ebenfalls mit SpA in Verbindung stehen können.
- Positive Familienanamnese: Das Vorhandensein von SpA, Psoriasis, Uveitis oder CED bei nahen Verwandten ist ein wichtiger Hinweis.
- Erhöhtes C-reaktives Protein (CRP): Ein erhöhter Entzündungswert im Blut kann auf eine SpA hindeuten, ist aber unspezifisch und muss von einem Arzt im Kontext anderer Symptome bewertet werden.
Die Bedeutung von HLA-B27
Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Diagnose der SpA ist das humane Leukozyten-Antigen B27 (HLA-B27). Dieses Gen ist bei über 90% der Patienten mit ankylosierender Spondylitis nachweisbar, aber auch bei einem geringeren Prozentsatz der Allgemeinbevölkerung. Sein Nachweis allein ist nicht ausreichend für eine Diagnose, aber in Kombination mit SpA-typischen Symptomen und/oder bildgebenden Veränderungen kann es die Wahrscheinlichkeit einer SpA deutlich erhöhen.
Arten der Spondyloarthritis: Axial und Peripher
Wie bereits erwähnt, wird die Spondyloarthritis in axiale und periphere Formen unterteilt. Diese Unterscheidung ist wichtig für die Diagnosestellung und die Festlegung der Behandlungsstrategie.
Axiale Spondyloarthritis (axSpA)
Die axiale SpA ist die häufigste Form und betrifft vor allem die Wirbelsäule und die Sakroiliakalgelenke. Innerhalb der axSpA gibt es zwei Stadien:
- Ankylosierende Spondylitis (AS): Dies ist das fortgeschrittene Stadium der axialen SpA, bei dem bereits strukturelle Veränderungen an den Kreuz-Darmbein-Gelenken (Sakroiliakalgelenken) im konventionellen Röntgenbild sichtbar sind. Historisch wurde die Diagnose der AS oft erst nach 5-10 Jahren Symptomdauer gestellt, da die Röntgenbilder erst spät deutliche Veränderungen zeigten. Typische Röntgenbefunde sind eine beidseitige Sakroiliitis Grad II oder eine einseitige Sakroiliitis Grad III oder IV. Im Extremfall kann die Wirbelsäule zu einer „Bambusstabwirbelsäule“ verknöchern, was zu einer erheblichen Einschränkung der Beweglichkeit führt.
- Nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis (nr-axSpA): Dies ist ein früheres Stadium der axialen SpA. Hier sind die typischen Entzündungen der Sakroiliakalgelenke zwar vorhanden, aber im konventionellen Röntgenbild noch nicht sichtbar. Der Nachweis erfolgt hier mittels Magnetresonanztomographie (MRT), die frühe entzündliche Veränderungen wie Knochenmarködeme oder Ostitis sichtbar machen kann. Die Einführung der MRT hat die frühzeitige Diagnose der axSpA revolutioniert und ermöglicht eine frühere Intervention, bevor irreversible Schäden auftreten.
Die ASAS-Klassifikationskriterien für axiale SpA berücksichtigen diese Stadien. Patienten unter 45 Jahren mit chronischen Rückenschmerzen können klassifiziert werden, wenn entweder radiologische Zeichen einer Sakroiliitis vorliegen oder HLA-B27 nachweisbar ist. Im ersten Fall muss ein weiteres SpA-typisches Symptom hinzukommen, im zweiten Fall mindestens zwei weitere SpA-typische Symptome.
Periphere Spondyloarthritis (pSpA)
Die periphere SpA ist charakterisiert durch das Vorhandensein von Arthritis, Enthesitis und/oder Daktylitis in den Extremitäten, ohne dass primär das Achsenskelett betroffen ist. Sie kann eigenständig auftreten oder in Kombination mit der axialen Form. Die Symptome ähneln denen, die unter "Weitere charakteristische SpA-Symptome" beschrieben wurden, konzentrieren sich aber auf die Gelenke und Sehnenansätze der Arme und Beine.
Der Weg zur Diagnose: Wie Ärzte SpA erkennen
Da es keinen einzelnen, spezifischen Test für Spondyloarthritis gibt, ist die Diagnose ein komplexer Prozess, der eine sorgfältige Bewertung klinischer Symptome, körperlicher Untersuchung, bildgebender Verfahren und Laborbefunde erfordert.
Klinische Untersuchung: Bewegung und Schmerz
Ein Rheumatologe wird eine gründliche körperliche Untersuchung durchführen, um die Beweglichkeit der Wirbelsäule und der Gelenke zu beurteilen und Schmerzpunkte zu identifizieren. Dazu gehören standardisierte Messungen:
- Schober-Test: Misst die Beugung der Lendenwirbelsäule. Dabei wird ein definierter Abschnitt der unteren Lendenwirbelsäule vermessen, um die Beweglichkeit bei Vorneigung zu beurteilen. Ein Wert von über 3 cm ist normal.
- Thoraxexkursion: Misst die Beweglichkeit des Brustkorbs beim Atmen, was Aufschluss über die Beteiligung der Rippen-Wirbel-Gelenke gibt. Ein Wert von über 3 cm ist normal.
- Hinterhaupt-Wand-Abstand: Beurteilt die Kyphose (Krümmung) der oberen Wirbelsäule und des Nackens. Ein normaler Abstand sollte unter 3 cm liegen.
- Zervikale Rotation: Misst die Drehfähigkeit der Halswirbelsäule, typischerweise mit einem Goniometer. Normal ist über 60 Grad.
Diese Messungen sind wichtig für die Verlaufsbeobachtung der Erkrankung, da die ermittelten Werte altersabhängig variieren können.
Bildgebende Diagnostik: Ein Blick ins Innere
Die Bildgebung spielt eine zentrale Rolle bei der Diagnose der Spondyloarthritis:
| Verfahren | Zweck | Typische Befunde |
|---|---|---|
| Konventionelles Röntgen | Nachweis chronisch-struktureller Veränderungen, insbesondere in fortgeschrittenen Stadien. |
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| Magnetresonanztomographie (MRT) | Nachweis akuter entzündlicher Veränderungen, besonders in frühen Krankheitsstadien. |
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Die MRT ist besonders wertvoll, da sie Entzündungen sichtbar machen kann, bevor strukturelle Schäden im Röntgenbild erkennbar sind. Dies ist entscheidend für die frühzeitige Diagnose der nr-axSpA. Röntgenuntersuchungen der Wirbelsäule werden in der Regel nicht häufiger als alle zwei Jahre empfohlen, um die Progression zu beurteilen.
Laborbefunde
Bluttests wie das C-reaktive Protein (CRP) und der Nachweis von HLA-B27 liefern zusätzliche Puzzleteile. Während ein erhöhtes CRP auf Entzündung hindeutet, muss die Ursache sorgfältig abgeklärt werden, da es auch andere Gründe für erhöhte Werte geben kann. HLA-B27 ist ein genetischer Marker, der die Veranlagung zur SpA anzeigt, aber nicht die Erkrankung selbst beweist.
Die Gewichtung der Symptome: Likelihood Ratios
Die Diagnose einer axialen SpA ist keine einfache Addition von Symptomen, sondern eine ärztliche Leistung, die sich aus der Anzahl und der Wertigkeit SpA-typischer Symptome sowie dem Ausschluss anderer Krankheiten ergibt. Forscher haben sogenannte Likelihood Ratios (LR) verwendet, um die diagnostische Aussagekraft einzelner Symptome zu bewerten. Eine hohe positive LR bedeutet, dass das Symptom stark für eine SpA spricht, während eine hohe negative LR das Fehlen einer SpA unwahrscheinlich macht.
Es hat sich gezeigt, dass eine MR-tomographisch nachgewiesene Sakroiliitis und der Nachweis von HLA-B27 bei Patienten mit entzündlichem Rückenschmerz die höchste positive und negative LR aufweisen und somit den größten Vorhersagewert für das Vorhandensein oder Fehlen einer axialen SpA haben. Dies unterstreicht die Bedeutung der bildgebenden Diagnostik und genetischer Marker in Verbindung mit den klinischen Symptomen.
Warum eine frühe Diagnose entscheidend ist
Die frühzeitige Diagnose der Spondyloarthritis ist von immenser Bedeutung. Sie ermöglicht es Ärzten, gezielte Interventionen einzuleiten, noch bevor es zu irreversiblen strukturellen Schäden an Gelenken und Wirbelsäule kommt. Eine frühe Therapie kann:
- Die Schmerzen lindern und die Entzündung kontrollieren.
- Die Progression der Erkrankung verlangsamen oder sogar verhindern.
- Die Beweglichkeit erhalten und Funktionseinschränkungen minimieren.
- Die Lebensqualität der Patienten erheblich verbessern.
Die ASAS-Klassifikationskriterien haben hier einen Durchbruch ermöglicht, indem sie eine frühe Charakterisierung von Patienten mit SpA-typischen Symptomen erlauben, selbst wenn radiologische Spätzeichen noch nicht sichtbar sind. Dies erleichtert nicht nur die Behandlung im klinischen Alltag, sondern auch die Definition homogener Patientengruppen für klinische Studien, was wiederum die Entwicklung besserer Therapien vorantreibt.
Häufig gestellte Fragen (FAQs) zur Spondyloarthritis
Was ist der Hauptunterschied zwischen ankylosierender Spondylitis (AS) und axialer Spondyloarthritis (axSpA)?
Axiale Spondyloarthritis (axSpA) ist der Oberbegriff für die Gruppe der Spondyloarthritiden, die hauptsächlich die Wirbelsäule betreffen. Die ankylosierende Spondylitis (AS) ist eine Form der axSpA, bei der bereits strukturelle Schäden an den Kreuz-Darmbein-Gelenken (Sakroiliakalgelenken) im konventionellen Röntgenbild sichtbar sind. Wenn diese Schäden noch nicht röntgenologisch sichtbar sind, spricht man von einer nicht-röntgenologischen axSpA (nr-axSpA), die aber durch MRT-Befunde nachgewiesen werden kann.
Ist Spondyloarthritis heilbar?
Spondyloarthritis ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung und derzeit nicht heilbar. Die moderne Medizin bietet jedoch effektive Therapien, die darauf abzielen, die Entzündung zu kontrollieren, Schmerzen zu lindern, die Progression der Erkrankung zu verlangsamen und die Lebensqualität der Patienten erheblich zu verbessern. Eine frühzeitige Diagnose und ein konsequentes Management sind entscheidend für den Verlauf.
Wie oft sollte man sich bei SpA untersuchen lassen?
Die Häufigkeit der Untersuchungen hängt vom individuellen Krankheitsverlauf und der Aktivität der Erkrankung ab. Regelmäßige klinische Kontrollen sind wichtig. Röntgenuntersuchungen der Wirbelsäule zur Beurteilung der Progression werden in der Regel nicht häufiger als alle zwei Jahre durchgeführt. MRT-Untersuchungen erfolgen nach Bedarf, insbesondere zur Detektion aktiver Entzündungen oder bei Verdacht auf neue Läsionen.
Was bedeutet HLA-B27 und warum ist es wichtig?
HLA-B27 ist ein Protein auf der Oberfläche von Immunzellen, das bei einem Großteil der SpA-Patienten, insbesondere bei ankylosierender Spondylitis, vorkommt. Es ist ein genetischer Marker, der eine Prädisposition für die Entwicklung von SpA anzeigt. Sein Nachweis allein bedeutet nicht, dass man an SpA erkranken wird, aber in Kombination mit typischen Symptomen und bildgebenden Befunden ist es ein starkes Indiz für die Diagnose einer Spondyloarthritis.
Was ist Enthesitis?
Enthesitis ist eine Entzündung der Sehnen- und Bandansätze am Knochen. Bei Spondyloarthritis ist dies ein sehr charakteristisches Symptom. Häufige Lokalisationen sind die Achillessehne an der Ferse, die Plantarfaszie an der Fußsohle oder auch Sehnenansätze an den Rippen, der Wirbelsäule oder anderen Gelenken. Enthesitis kann erhebliche Schmerzen verursachen und ist ein wichtiger diagnostischer Hinweis.
Fazit
Spondyloarthritis ist eine komplexe rheumatische Erkrankung mit vielfältigen Symptomen, die oft schleichend beginnen. Der entzündliche Rückenschmerz, begleitet von Enthesitis, Daktylitis oder peripherer Arthritis, ist ein starkes Warnsignal. Dank moderner Diagnosemethoden wie der Magnetresonanztomographie und den ASAS-Klassifikationskriterien ist es heute möglich, die axiale Spondyloarthritis in einem viel früheren Stadium zu erkennen als noch vor einigen Jahrzehnten. Diese Frühdiagnose ist der Schlüssel zu einer effektiven Behandlung, die nicht nur Schmerzen lindert, sondern auch die langfristige Lebensqualität der Betroffenen sichert und irreversible Schäden verzögern oder verhindern kann. Bei Verdacht auf SpA ist der Gang zum Rheumatologen unerlässlich, um eine präzise Diagnose zu erhalten und einen individuellen Behandlungsplan zu erstellen.
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